Der SPIEGEL entdeckt das Wochenende

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Der SPIEGEL entdeckt das Wochenende

© Rainer Sturm / pixelio.de

Printmedien erleben einen massiven Wandel, das Leseverhalten ändert sich. Nachrichten werden im Internet größtenteils kostenlos publiziert, die Auflagen vieler Zeitungen und Zeitschriften sinken. Das zwingt die Verlage zu mitunter einschneidenden Maßnahmen und dem Abschied von traditionellen Lesegewohnheiten. So soll das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL ab 2015 samstags statt montags erscheinen. Der Kampf um den Analog-Leser wird immer stärker am Wochenende ausgetragen.

Der Slogan „Montag ist SPIEGEL-Tag“ zählte seit 1947 zu den Gesetzmäßigkeiten der Mediennutzung. Wenn das Nachrichtenmagazin zu Wochenbeginn mit investigativen Geschichten und Skandalen aufmachte, brachte das mediale Beben von Hamburg aus jahrzehntelang das politische Parkett in Bonn und später in Berlin ordentlich in Schwingung.

AUF DEM WEG ZUM LESER

In einem immer unübersichtlicher gewordenen Alltag geben Gewohnheiten eine wichtige Orientierung und Rituale den nötigen Halt. Das Wochenende ist für die meisten Menschen zum Refugium geworden, inklusive Nestbau, Kuschelfaktor und archaischer Essenszubereitung. Die Land-Lust-Liebe-Magazine sind schließlich voll davon. Flankierend haben die elektronischen Medien ihr Full-size-Angebot für Samstag und Sonntag ausgebaut. Obwohl sich außerhalb des Sports weit weniger zuträgt als werktags, tritt die 24/7-Medienmaschine ressortübergreifend aufs Gaspedal.

Der Leser greift immer seltener zu bedrucktem Papier, also müssen sich Zeitschriften und Zeitungen auf den Weg zum Leser machen. Da liegt es nahe, das Angebot am Wochenende massiv auszubauen oder – wie DER SPIEGEL – den Erscheinungstag vorzuziehen. Ohnehin wurden seit geraumer Zeit Titelgeschichte und Ressortaufmacher am in der Regel nachrichtenarmen Sonntag vorab an die Agenturen gegeben. Letztlich bedeutete dies stets den Tanz auf der Rasierklinge, da andere Medien mit ihren Online-Redaktionen dem Leitmedium reingrätschen und so möglicherweise die Wertigkeit der Topstory abschwächen konnten. Von der Vorverlegung verspricht sich der SPIEGEL-Verlag, den Sinkflug der Auflage umzukehren.

AM WOCHENENDE IST MEHR ZEIT FÜR ZEITUNG

Wochentags das Internet als Infoquelle nutzen und sonntags in Ruhe Zeitung lesen: Das ist ein Trend, der sich in Deutschland deutlich abzeichnet. Viele Print-Leser haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie unter der Woche Altpapier ansammeln. Der Abonnent arbeitet folglich am Wochenende einen Stapel ab und die Berichterstattung der vergangenen fünf, sechs Tage auf. Laut einer Studie der ZMG Zeitungs-Marketing-Gesellschaft (ZMG) in Zusammenarbeit mit der Marplan Media- und Sozialforschungsgesellschaft von 2011 liest jeder zweite Bundesbürger ab 14 Jahren am Sonntag häufig oder gelegentlich Zeitung. Für 56 Prozent steht die Samstagsausgabe einer regionalen Zeitung an erster Stelle, gefolgt von überregionalen Sonntagszeitungen (51 Prozent). Bis zu 47 Minuten Zeit nehmen sich die Befragten im Durchschnitt. 66 Prozent gaben an, beim Lesen zu entspannen. Zudem bekennen 53 Prozent, dass sie am Sonntag mehr Zeit für längere, anspruchsvolle Artikel haben.

IMMER VORAUSSETZUNG: ZUVERLÄSSIGE LIEFERUNG

Allerdings nutzt die beste Zeitung nichts, wenn sie nicht zum Leser kommt. Der Sonntag ist den Deutschen heilig – vor allem den Gewerkschaften. Seit Gründung der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung im Jahr 2001 ist es dem Vertrieb beispielsweise nicht gelungen, vielerorts eine regelmäßige Zustellung aufzubauen. Ausgestattet mit Gutscheinen muss sich der Abonnent am Sonntag zum Kiosk, Bäcker oder Bahnhofsbuchhandel begeben. Wenn er denn überhaupt gewillt ist, die heimische Wagenburg zu verlassen.

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