#ausgezwitschert? Twitter zwischen Durchstarten und Desinteresse

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#ausgezwitschert? Twitter zwischen Durchstarten und Desinteresse

Den Gang an die Börse Anfang November hat Twitter gut überstanden. Sehr gut sogar. Der Aktienwert des Microblogging-Diensts stieg allein bis Ende Dezember 2013 um 145 Prozent. Twitter und Tweets scheinen in aller Munde bzw. in aller Schnäbel zu sein. Ungehemmt twittert Mariah Carey, ungefragt Justin Bieber und unerwartet der Papst. Selbst die deutschen Theater versuchten sich jüngst beim Twittern.

Dann aber erreichte den Leser der niederländischen Zeitung de volkskrant im Dezember folgende Schlagzeile: „Twitter verliert schnell an Beliebtheit“.
Das deutsche Marktforschungsinstitut GfK hat herausgefunden, dass die Zahl der niederländischen Twitter-Nutzer zwar gleich geblieben ist. Allerdings besuchen sie die Webseite seltener und stellen weniger Tweets online. Ihre Anzahl ist laut der Studie „GfK Trends in Digitale Media“ um mehr als die Hälfte auf 3,5 Postings pro Woche gesunken. Twitter selbst hatte bereits herausgefunden, dass weltweit gesehen 40 Prozent der Nutzer lediglich Tweets lesen, jedoch keine eigenen posten.

TWITTER ALS „EINE ART INKONTINENZ“

In de volkskrant bezeichnet der Amsterdamer Schriftsteller Philip Huff mit selbst knapp 1.600 Followern Twitter sogar als „eine Art Inkontinenz“. Ohne dass Inhalte gebührend reflektiert worden seien, würden diese ins Netz gestellt – und außer aussagelosem Mist gehaltvollen Wortwechseln im Web nichts hinzufügen. Auch Musetta Blaauw, Besitzerin eines Geschäfts für Baby-Produkte in Groningen, verliert allmählich ihr Interesse an der Online-Welt. Sie brauche wieder mehr Kontakt mit echten Menschen, und wolle „zurück an die Basis“.

Außerdem: Die Mobile App von Facebook hat sich in der letzten Zeit enorm verbessert. Dadurch ist das soziale Netzwerk attraktiver geworden – immerhin verzeichnet es mehr mobile als Desktop Besucher. Das dürfte dazu beitragen, dass Facebook schneller wächst als Twitter. Auch Instagram, WeChat und Vine können sich über einen höheren Zuwachs freuen.

AUCH IN DEUTSCHLAND LAUE ZAHLEN

Ist die Entwicklung in den Niederlanden also als Vorbote für einen allgemein einsetzenden Trend zu sehen? Auch in Deutschland beispielsweise sind die Zahlen bei Weitem nicht so überwältigend, wie es der Börsenwert des Unternehmens zu Beginn nahe legte. So wird Twitter von gerade einmal sechs Prozent der Internetnutzer als beliebtestes Netzwerk genannt, wie eine BITKOM-Studie vom Oktober 2013 ergab. Noch drastischer lautet das Ergebnis, wenn man die Zahlen zur aktiven Nutzung betrachtet: Von den deutschen Internetnutzern haben 2013 knapp 3,8 Millionen Twitter besucht, allerdings bringt sich gerade einmal ein Prozent wirklich aktiv auf der Plattform ein.

Andererseits überraschen Länder wie Indonesien und Saudi Arabien, in denen 19 bzw. 33 Prozent der Internetuser aktiv twittern. Und das, obwohl meist kein PC-Zugang vorhanden ist – User nutzen den Dienst mobil. Ein Vorteil, der – zusammen mit dem Einsatz des hashtag und der Beschränkung auf 140 Zeichen – Twitter zum effizienten Kommunikationsmedium macht. Das zeigte sich insbesondere bei politischen Bewegungen wie dem Arabischen Frühling und den Volksaufständen in der Türkei. Twitter ermöglicht, in einem digitalen Raum aufeinander zu treffen, in Echtzeit aktuelle Informationen auszutauschen und sich für das weitere Vorgehen zu organisieren. Der Grad an Geschwindigkeit und Verdichtung von Wissen und Raum ist unübertroffen. Twitter kommt auf diese Weise gar eine politische Bedeutung zu.

GESCHICHTEN VOM SCHEITERN, ABER AUCH VON CHANCEN

Darüber hinaus ist das Web2.0 dynamisch und erzählt Geschichten gleichermaßen vom Scheitern und von Chancen. Die VZ-Netzwerke fristen bei gerade einmal 8,8 Prozent der beliebtesten Netzwerke ein wenig ruhmreiches Dasein, Schüler-VZ wurde bereits gelöscht. Dafür präsentierte sich das totgeglaubte MySpace Mitte 2013 mit einem Relaunch und hofft auf einen (zweiten) Durchbruch. Es entstehen neue soziale Netzwerke wie „tothisplace“. Und der SEO Blog searchmetrics prognostiziert, dass Google+ bei konstantem prozentualen Wachstum in etwa zwei Jahren Facebook überholt haben könnte.

Bis der Twitter-Vogel – wenn überhaupt – seinen letzten Tweet aushaucht, dürfte es also noch eine ganze Weile dauern. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die Twitter-Community nicht nur einmal gesehen hat, dass der gestrandete „Fail Whale“ es durch seine kleinen Helferchen wieder in ruhiges Fahrwasser geschafft hat. Nicht zuletzt wurde schon so manch Prognose, die auf Statistiken basiert, eines Besseren belehrt. Es bleibt spannend. Und man muss genau hinhören.

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