Die Dämonen vertreiben …

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Die Dämonen vertreiben …

Chinatown Manhattan ist die größte asiatische Community außerhalb Asiens. Wie sich das Viertel verändert und doch an seinen alten Traditionen festhält, hat Mediavanti-Geschäftsführer Claus Spitzer-Ewersmann vor Ort in New York in Erfahrung gebracht.

Giancarlo ist auf seine Nachbarn nicht gut zu sprechen. „Die kriegen den Hals einfach nicht voll“, empört sich der Nachkomme italienischer Einwanderer in New York. In Little Italy, einer der vielen Neighborhoods der Megacity, betreibt er eine kleine Pizzeria. Die Margherita gibt’s schon für acht Dollar. Dennoch laufen die Geschäfte bescheiden; Giancarlo hat schon bessere Zeiten erlebt. Schuld am Niedergang des Quartiers seien die Chinesen. Seine Nachbarn. Little Italy grenzt direkt an Chinatown.

CHOP-SUEY-RESTAURANTS STATT ESPRESSO BARS, MASSAGE- STATT FRISIER-SALONS

Lange Zeit hatten sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen gut vertragen. Die Claims waren abgesteckt. Italiener und Chinesen hatten sich sogar darauf geeinigt, wo in dem im Süden Manhattans gelegenen Viertel die Grenze verläuft. Hier prangen die chinesischen Schriftzeichen an den Fassaden, dort heißen die Restaurants „Da Luigi“ und „Fiorentina“. Doch mit der friedlichen Koexistenz ist es bereits seit den 1970er Jahren vorbei. „Chinatown ist eine Krake“, klagt Giancarlo. Zuletzt nahmen die Auseinandersetzungen wieder an Schärfe zu. „Die Chinesen dehnen sich immer weiter aus, wollen am liebsten alles haben.“ So werden die Espresso Bars zu Chop-Suey-Restaurants, die Frisier- zu Massagesalons. Und für die Italiener bleibt nicht mehr viel Platz.

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„Die Zeiten ändern sich“, versucht sich Maureen Hoon vom Museum of the Chinese in America (MoCA) an einer Erklärung. „Und die Stadt ist im Umbruch.“ Hätten im 19. Jahrhundert etwa 40.000 Italiener rund um die Mulberry Street gelebt, seien heute nur noch etwa fünf Prozent der Bewohner Little Italys italienischstämmig. Chinatown habe dagegen nie eine derartige Abwanderung erlebt. Im Gegenteil. Vor allem nach der Übernahme Hongkongs durch die Volksrepublik habe es noch einmal einen regelrechten Schub gegeben. Ob indes zuerst die Henne da war oder eben doch das Ei – darauf weiß Frau Hoon keine Antwort zu geben.

Fest steht: Chinatown Manhattan steckt mitten im Wandel. In der größten chinesischen Enklave der westlichen Welt leben heute zwischen 150.000 und 200.000 Menschen. Die genaue Zahl kennt niemand. Bei vielen von ihnen ist die Nervosität groß. Denn die horrenden Immobilienpreise im Zentrum New Yorks schlagen längst auch bis hierhin durch. In Chinatown zu wohnen ist ein kostspieliges Vergnügen. Und das Pflaster dürfte noch teurer werden, wenn es nach den Plänen der New York City Housing Authority (NYCHA) geht. Die Behörde plant, die Bebauungspläne zu ändern und Brachflächen und Parks an Investoren zu verkaufen. Was nichts anderes bedeutet, als dass auch in Chinatown futuristische neue Wolkenkratzer mit mehreren tausend Apartments an die Stelle der historischen Mietshäuser rücken werden.

ZWISCHEN KULTURELLEM ERBE UND MODERNEM DENKEN

Vielen Bewohnern macht der Gedanke daran Angst. Von der Entwicklung bedroht fühlen sich insbesondere jene, denen Chinatown zur zweiten Heimat geworden ist. Hier versuchen sie, das kulturelle Erbe ihrer Vorfahren zu bewahren und ein bisschen wie im alten Peking oder Shanghai zu leben. Nicht einmal die Hälfte spricht Englisch, was in vielen Bereichen Probleme aufwirft. Die Älteren sind in der Canal und der Mott Street deutlich in der Mehrzahl, jüngere Amerikaner mit asiatischen Wurzeln trifft man eher selten. Sie haben sich anderswo in New York angesiedelt und bilden dort eigene, kleinere und vor allem dem modernen Denken und Handeln Raum bietende Chinatowns – etwa in Brooklyn und Queens.

Einmal im Jahr allerdings finden Alt und Jung doch wieder zusammen – bei den Feierlichkeiten zum chinesischen Neujahrsfest. Es fällt traditionell auf den Tag des ersten Vollmonds nach dem 19. Januar. Dann geht es zehn Tage lang auch in New Yorks Chinatown hoch her. Den krönenden Abschluss der Feiern bildet die große Parade durch die Straßen des Viertels. Kostümierte Tänzer und Trommler, Artisten und Fahnenträger geben ihr Bestes, viele auch aus Vietnam, Korea und Japan. Wochen- und teilweise monatelang haben sie für ihre Auftritte geübt. Selbst das New York Police Department ist mit seinem Musikzug dabei.

LETZTE TRADITIONELLE ZÜGE: AN NEUJAHR DIE DÄMONEN VERTREIBEN

Wie ein quirliger Lindwurm windet sich der farbenprächtige Umzug durch die schmalen Gassen – umjubelt von Hunderttausenden Zuschauern am Wegesrand. In den Hauseingängen hängen rote Lampignons und Spruchbänder, auf denen – wie 2014 – das „Jahr das Pferdes“ begrüßt wird. Und im Sara D. Roosevelt Park, dem Ziel der Parade und Zentrum der Party, wird schon zur Mittagszeit ein Feuerwerk gezündet, um die bösen Dämonen des alten Jahres endlich zu vertreiben.

„Neujahr ist das Fest der Feste“, erklärt Maureen Hoon vom MoCA. Da komme die Familie zusammen, um gemeinsam zu feiern. „In China werden sogar Sonderzüge eingesetzt und Sonderflüge angeboten, damit alle rechtzeitig ihr Ziel erreichen.“ In New York sind die Wege nicht ganz so weit. Doch auch hier machen sich Tausende von jungen Chinesen auf zu ihren Verwandten ins alte Chinatown. Die meisten sind längst ausgestattet mit gut dotierten Jobs und durch und durch amerikanisiert. Feinstes Business-Englisch geht ihnen locker über die Lippen. Nein, mit dem Alltag ihrer Ahnen verbindet sie nichts mehr – außer diesem fröhlichen und bunten Treiben an genau jenem Ort, an dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts alles begann.

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