Zukunft der Zeitung: Was bringt der „Social Media Tuesday“?

Zukunft der Zeitung: Was bringt der „Social Media Tuesday“?

Zukunft der Zeitung: Was bringt der „Social Media Tuesday“?

Wirklich sensationelle Lösungen haben sie bislang nicht entwickeln können, die Manager der Verlagshäuser, die den Abwärtstrend der Tageszeitungen stoppen sollen. Man will verstärkt auf Online setzen. Ah ja. Und die Leser weniger mit bravem Terminjournalismus langweilen. Da schau‘ her! Ob sich so neue Zielgruppen finden lassen, vor allem junge? Wirklich mutig klingt das nicht. Deshalb verwundert es kaum, dass ein couragierter Versuch aus den USA von den deutschen Zeitungs-Granden eher verhalten aufgenommen wird. Wieder einmal.

Mittwochs bis montags soll es die USA Today weiterhin in der Print- und Online-Version geben, dienstags nur noch bei Facebook, Twitter und Co.

Mittwochs bis montags soll es die USA Today weiterhin in der Print- und Online-Version geben, dienstags nur noch bei Facebook, Twitter und Co.

USA Today ist nicht unbedingt die Zeitung, der deutsche Medienjournalisten häufiger große Beachtung schenken. Diesmal aber fühlten sich viele berufen, ihre Meinung kundzutun. Was war passiert? „Today is a good day to be here because we are starting Social Media Tuesdays” – mit diesem Satz hatte Larry Kramer, Herausgeber des 1982 gegründeten Blattes, einen kleinen Sturm im Wasserglas ausgelöst. Tatsächlich sollen alle Mitarbeiter seiner Zeitung in Zukunft an jedem Dienstag ausschließlich über Facebook, Twitter und Reddit publizieren.

Warum das? Kramer erhofft sich einerseits einen Lerneffekt bei den Print-Redakteuren, die veränderte Lesegewohnheiten bislang eher ignoriert haben. Noch wichtiger ist dem 64-Jährigen aber der Versuch, endlich der jungen Zielgruppe, die mit sozialen Medien aufgewachsen ist, habhaft zu werden. Dass USA Today das Experiment daneben gleich noch mit einem Wettbewerb unter seinen Mitarbeitern verknüpft, wer denn die meisten Follower an Land zieht, ist eher überflüssig. Aber deshalb gleich die ganze Idee verdammen? Nein! Jeder Versuch der Medienhäuser, neue Wege zu gehen, muss erst einmal positiv gewertet werden.

DIGITAL ADOPTERS STATT DIGITAL ANALPHABETS

In den Tageszeitungen haben wir viel zu lange die Tagesschau vom Vorabend wiederlesen müssen. Und wir haben auch viel zu oft über unbeholfene Versuche, Print und Online unter einen Hut zu bekommen, den Kopf schütteln dürfen. Auch weiterhin mache vor allem der Tempowechsel von der Echtzeit-Berichterstattung im Internet zur papiernen Aufarbeitung „der Zeitung mit ihren starren Redaktionsschlüssen ordentlich zu schaffen“, weiß Daniel Killy, Chef vom Dienst und Konvergenz-Verantwortlicher beim Weser-Kurier in Bremen, zu berichten. Deshalb sei klar: „Wenn die letzte Meldung gedruckt nicht mehr nötig ist, weil sie bereits im Netz oder auf meinem Handheld auftaucht, dann ist Zeit für Hintergrund und Analyse, für Lesegeschichten, die die Haptik der Zeitung ausnutzen.“ Wenn Sonntagszeitungen das schaffen, warum dann nicht auch die Ausgaben vom Dienstag, Mittwoch oder Freitag?

Geht das auch via Facebook und Co.? Larry Kramer ist davon überzeugt. Er setzt auf mehr Lesernähe und auf die Dialogbereitschaft der User: „Wenn sie von uns klug angesprochen werden, haben wir eine Chance, sie auf unsere Seite zu ziehen.“ Es sei zwar eine Binsenweisheit, dennoch aber dürfe man sich dem Wandel und den neuen Entwicklungen einfach nicht mehr verschließen. Oft seien indes gerade die Redakteure, die anderswo beharrlich nach Innovationen verlangten, im eigenen Hause die größten Bremsen. Für Daniel Killy ist es aus genau diesem Grunde zwingend geboten, erstmal die Redaktionen zu entstauben und aus „digital analphabets digital adopters“ zu machen. Schließlich sei nicht „die mediale Ausgabeform … entscheidend, sondern die journalistische Qualität der angebotenen Inhalte“.

REAKTIONEN IN DEUTSCHLAND EHER VERHALTEN

USA Today hat Larry Kramer zufolge gute Erfahrungen damit gesammelt, sich dem Sprung ins digitale Zeitalter nicht zu widersetzen. Im Gegenteil: Der Produktivität seiner Redaktion hat der Wandel mehr als gut getan. Wer wirklich up to date sein will, kommt an der digitalen Publikation nicht vorbei. Schon jetzt würden nur noch etwa 15 Prozent aller Geschichten, die die Redaktion online veröffentlicht, auch in der gedruckten Ausgabe erscheinen.

Es dürfte sich auch für deutsche Verlagshäuser lohnen, das Experiment „Social Media Tuesday“ aufmerksam zu verfolgen. Allerdings sind die ersten Stellungnahmen dazu eher zurückhaltend. Gaby Sohl von der taz etwa hält die Idee unter den derzeitigen Bedingungen schlichtweg für „nicht umsetzbar“. Hannah Suppa, stellvertrende Chefredakteurin der Hannoverschen Allgemeinen, findet hingegen Gefallen daran, „die Redakteure mit so einer Aktion dafür (zu) sensibilisieren, wie ihre Nachrichten heute konsumiert werden“. Aber an eine konkrete Realisierung denkt sie ebenso wenig wie die meisten ihrer Kollegen. Stattdessen formuliert sie einen Anspruch, der das Gewissen beruhigt,  dann aber vermutlich dazu beiträgt, dass sich auch weiterhin nichts ändert: „Jeder Tag sollte Social Media Tag sein.“ Schön gesagt. Dürfte aber nicht reichen.

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One Response to Zukunft der Zeitung: Was bringt der „Social Media Tuesday“?
  • Sebastian Neumann

    Lieber Claus,

    „Social Media Tuesday“ ist eine klasse Entwicklung und Möglichkeit, damit Redaktionen sich an den digitalen Wandel herantasten können. Allerdings ist meine Erfahrung, dass sich die tradierten Unternehmensstrukturen schwer tun, sich mit neuen Gegebenheiten auseinanderzusetzen.

    Und die Reaktion von der taz ist meiner Meinung nach das aktuelle Stimmungsbild. Es ist eine Kapitulation gegenüber den bestehenden Unternehmensstrukturen. „Wir wollen ja, aber können nicht.“

    Danke für den Hinweis. Ich werde „Social Media Tuesday“ weiter beobachten und bin auf weitere Reaktionen der deutschen Medienhäuser gespannt.
    Vielleicht ist das ein oder andere Verlagshaus dabei, das mich überrascht.

    Liebe Grüße
    Sebastian