Der Spielbrett-Effekt beim Magazin „Berlin Valley News“

Der Spielbrett-Effekt beim Magazin „Berlin Valley News“

Der Spielbrett-Effekt beim Magazin „Berlin Valley News“

Unter der Überschrift Mediavantis Medienkritik widmen wir uns unregelmäßig Neuem aus Blätterwald, Webwelt oder anderen Orten, an denen sich Medienschaffende austoben. Kritik der Kritik ist selbstverständlich erwünscht!

Fast schon logisch erscheint es, dass sich im Start-up-boomenden Berlin Magazinformate gänzlich diesem Thema widmen, „The Hundert“ etwa. Jan Thomas, einer der Herausgeber, hat nun ein neues Magazin gelauncht. „Berlin Valley News“ heißt das gute Blatt und bereitet auf 48 Seiten Infos aus der Gründerszene auf, etwa Trends und Finanzierungen, und liefert Hintergrundberichte. Die Idee ist dem gleichnamigen Blog entsprungen und hat zum Ziel, Inhalte über die tägliche Berichterstattung hinaus zu bieten. Wir waren neugierig und haben das Magazin inhaltlich und grafisch einem kritischen Blick unterworfen.


Zunächst einmal fällt auf … dass zu viel auffällt.
Übt sich das Magazin auf dem Cover noch in zeitgeistiger Zurückhaltung, ist es auf der nächsten Seite schon vorbei mit der Schonfrist. Kleinstteilige Typo- und Grafikelemente hüpfen über das Inhaltsverzeichnis und lassen sich nur schwer vom Auge des Lesers einfangen: Hier gilt es, von links über die Mitte nach rechts und dann wiederum von der Mitte nach unten zu lesen. Wer dieses Spielbrett-Schema gleich durchblickt – und noch dazu die Bilder sofort den jeweiligen Storys zuordnen kann –, der hat gewonnen!

KUNTERBUNTE SPIELWIESE – GRAFISCH UND INHALTLICH

Gleiches gilt für die drei Folgeseiten mit Kurznachrichten. Da überlagern sich unter der Rubrik „News“ im bildlichen Sinne Headlines, Logos, Bilder und Farbflächen. „I’m lost!“, dürfte das Gehirn beim Anblick dieses unsortierten News-Feeds denken, der sich leider nicht durchscrollen lässt. Zwangsläufig leidet auch die Bildsprache: Ist der Leser am oberen Bildrand noch positiv angeregt vom atmosphärischen Foto des letzten Holi Festivals, wird er am unteren bereits bitter enttäuscht durch die Aufreihung mehr oder weniger bekannter Gesichter zum üblich lahmen Gruppenbild. Vielversprechend, aber verschenkt: „Zahlen, die Berlin bewegen“. Schöner Titel, relevante Fakten dürfte sich der interessierte Leser denken. Um dann nach der digitalen Lupe zu suchen In Miniaturschrift steht da etwas über den Ifo-Geschäftsklimaindex. Nicht unwichtig, aber nahezu unlesbar.

Begrüßenswert ist die Lust am Spielen und Ausprobieren im Hinblick auf die Inhalte. Die Bandbreite an journalistischen Darstellungsformen ist beeindruckend – da finden sich klassische Interviews und Berichte, Meinungsbeiträge zum politischen Klima und Kommentare, Lexikonbeiträge und Expertentipps. Und wird noch erweitert um eigene Einfälle. Beim „Elevator Pitch“ haben Start-ups beispielsweise die Gelegenheit, während eines fiktiven Fahrstuhlritts mit dem potenziellen Investor selbigen von der Geschäftsidee zu überzeugen. „Auf dem Grill“ schätzen Investoren den Marktwert von Start-ups ein. Und „Vor dem Spiegel“ interviewen sich Gründer selbst. Der Fantasie der Redaktion sind offensichtlich keine Grenzen gesetzt. Das ist gut. Und sportlich, will man die extrem hoch gelegte Latte auch dauerhaft hoch halten.

FEHLT DER MUT ZU THEMATISCHER HIERARCHIE?

Schade nur, dass die Darstellungsformen nicht bewusst ein-, sondern lose nebeneinander gereiht scheinen. Dem Magazin fehlt eine klare Struktur: die Unterteilung in ein Fokus- und untergeordnete Randthemen. Dem Thema Regierungswechsel in Berlin und seine Folgen für die Gründerszene könnte beispielsweise eine neutrale Situationsanalyse vorangehen, daraufhin ein qualifizierter Kommentar – wenn relevant auch zwei – folgen und als spielerisches Element die Zwei-Fragen-Rubrik an Investoren einfließen. Der Leser hätte somit zunächst einmal die Chance auf objektive Hintergrundinformationen, um sich dann mit den Einschätzungen von Experten und der Szene auseinandersetzen zu können. Das würde dem Magazin letztlich mehr Aussagekraft verleihen. Derartige redaktionelle Mittel bleiben ungenutzt, sogar beim eigentlichen Fokusthema, der „Fyber-Story“. Sie wird auf zwei Seiten und damit gleichrangig zu sämtlichen anderen Themen abgehandelt. Jedem Start-up ist schön brav eine Doppelseite gewidmet. Thematische Hierarchie? Nicht zu erkennen. Fehlte da der Mut? Oder die Denke eines Blattmachers?

Ein schönes Beispiel, wie das Zusammenspiel aus Inhalt und Layout funktionieren könnte, findet sich dennoch: Das Interview mit Investor Christophe Maire punktet mit einer packenden Überschrift, nennt klar die journalistische Darstellungsform, zeigt an, wo der Leser mit dem Text beginnen soll, und leitet ihn durch die Spalten. Und das, ohne gestalterisch zu langweilen. Sie können es doch!, denkt man.

DUKTUS EINES POSTPUBERTÄREN BANKERS

Zur Schreibe: Was die Redakteure zu Blatt bringen, liest sich solide; die Texte haben in der Regel einen angenehmen Fluss. In den Interviews überzeugen – sofern sich das durch einen Laien beurteilen lässt – fundierte Fragen, die in der Regel zu gehaltvollen Antworten und damit zu einem wirklichen Mehrwert beim Leser führen.

Darüber hinaus sorgt für Mehrwert, dass sich die Redakteure eine Meinung zutrauen. Nicht nur erhält der Leser dadurch eine Einschätzung aus der Gründerszene. Es verleiht dem Magazin außerdem Glaubwürdigkeit, immerhin handelt es sich um eine vertiefte Sicht und keine unreflektierte Wiedergabe einzelner Pressemeldungen. Da wird schon mal der etablierte Blogger Nico Lumma hinterfragt, weil er „ohne Selbstreflektion und mit viel Wohlwollen“ fortan für die BILD schreibe. Auch wenn eine „News“ für eine neutrale Darstellung der Fakten gedacht ist – ein bisschen Gegenwind in die Gründerszene zu blasen, macht das Blatt reizvoll.

Angenehm in Sachen Abwechslungsreichtum ist, dass die Beiträge von Externen ihren Sprachcharakter behalten dürfen. Allerdings: Manchmal geht das auch nach hinten los. Der Bericht zum Börsengang von Rocket Internet etwa liest sich wie der Tagebucheintrag eines postpubertären Bankers. Geschrieben ist er aus Sicht des Senior Vice President Communications. Vom „Senior“ – wie gesagt – ist dem Duktus nicht viel anzumerken. Die Redaktion hätte ihm durchaus ein wenig unter die Arme greifen und etwas mehr Souveränität verleihen dürfen.

EIN PAAR SPRACHLICHE STOLPERER

Auch sonst ist den Blattmachern so manche Ungeschicklichkeit unterlaufen: „Neues auch bei Zalando.“ steht da etwa. Was man ja wohl auch annehmen darf, wenn der Kurzbeitrag unter „News“ steht. Und gleich zu Anfang ein Stolperer: Beim Download des Magazins wird davon gesprochen, die Berliner Start-up-Szene „hat Ihr eigenes Monatsmagazin“. Dass nicht das Monatsmagazin des unfreiwillig angesprochenen Lesers gemeint ist, erschließt sich von selbst. Wem jedoch gleich im ersten Satz auf der Startseite ein Rechtschreibfehler unterläuft, der wirkt nicht recht glaubwürdig in seinem journalistischen Anspruch. Auch sonst dürfte am Lektorat gespart worden sein. Angesichts der Tatsache, dass Head- und Sublines neben Bildunterschriften die größten optischen Magneten auf einer Seite sind, verwundert es, dass bisweilen Verben und Worte fehlen und Grammatikregeln nicht eingehalten werden, Stichwort Trennfehler („Lifes-tyle“).

FAZIT

Mit „Berlin Valley News“ hat das Team unter Chefredakteur Jan Thomas eine grafisch und inhaltlich erfrischend lebendige Ausgabe vorgelegt und bisweilen auch ein bisschen Mut bewiesen. Leider wirken Layout und Beiträge streckenweise hoffnungslos überladen, manchmal bis hin zur Leserunfreundlichkeit. Nahezu auf jeder Seite muss sich der Leser auf einen neuen Seitenaufbau, neue Elemente und unterschiedliche Farbgebungen einlassen und selbst erarbeiten, was ihm ein Beitrag vermitteln möchte. Und das, obwohl die Inhalte den Aufwand durchaus Wert wären. Kurz: Der Eindruck entsteht, als wäre in letzter Sekunde aufgrund von Budgetkürzungen die Seitenzahl halbiert worden.

Alles in allem: Reduktion und Fokussierung würden dem Magazin gut tun – in gestalterischer und redaktioneller Hinsicht. Das Potenzial aber ist klar erkennbar.

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