Botschaft zu Charlie Hebdo: „So werdet ihr nichts bewirken!“

Botschaft zu Charlie Hebdo: „So werdet ihr nichts bewirken!“
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Botschaft zu Charlie Hebdo: „So werdet ihr nichts bewirken!“

Nein! Wir lassen uns von extremistischen Gewalttaten nicht einschüchtern und erst recht nicht in unserer Meinungsfreiheit einschränken! Das war die Kernaussage der über drei Millionen Menschen, die gestern in Frankreich auf die Straße gegangen sind, um anlässlich der Anschläge auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris für freie Meinungsäußerung einzustehen und sich gegen den Terror zu positionieren.

Diese Einstellung teilt auch der Zeichner und Illustrator Tom Breitenfeldt. Wir hatten uns mit ihm vergangenen September im Rahmen des Social Media-Projekts offblogger zum Internationalen Filmfest Oldenburg über den Dokumentarfilm „Cartoonists – Foot Soldiers of Democracy“ (Frankreich 2014) ausgetauscht. Darin befasst sich Regisseurin Stéphanie Valloatto mit den Werken von Karikaturisten aus zwölf Ländern, den Reaktionen und den Widerständen, die auf ihre augenzwinkernden bis anklagenden Karikaturen folgen.

Durch den Terroranschlag zeigt sich nur Monate später, welche extremen Formen diese Reaktionen und Widerstände annehmen können. Aus diesem Anlass haben wir erneut mit Tom Breitenfeldt gesprochen. Was löst ein solches Ereignis in einem Menschen aus, dessen Arbeit auf Zeichnungen basiert? Über Hilflosigkeit, den Mut, sich zu bekennen, und ein neues Bewusstsein.

Frage: Was waren deine ersten Gedanken, als du vom Anschlag erfahren hast?

Tom Breitenfeldt: Ich war völlig fassungslos, zumal wir erst vor Kurzem gemeinsam im Rahmen des Filmfests den Dokumentarfilm „Cartoonists“ gesehen haben. Darin wurde vom syrischen Karikaturisten Ali Ferzat berichtet, dem die Hand gebrochen wurde, um ihn am Zeichnen zu hindern. Das ist erbarmungslos.

Tom_Breitenfeldt

Der Zeichner Tom Breitenfeldt über den Anschlag auf die „Charlie Hebdo“-Redaktion

Allerdings hätte ich nie für möglich gehalten, dass zwei Irre ausreichen, um einen derartigen Schaden anzurichten. Dass sich ein Mensch das Recht nimmt, eine ganze Redaktion auszuschalten, löst in mir ein Gefühl der Hilflosigkeit aus und macht mich sprachlos.

Ich kannte zwar „Charlie Hebdo“ nicht, aber der Zeichner Georges Wolinski war mir ein Begriff. Er hat ganz früher schon in der deutschsprachigen literarisch-satirischen Zeitschrift „Pardon“ veröffentlicht. Dieses Magazin hat mich seit meiner Jugend begleitet. Als ich den Namen Wolinski bei den Opfern las, war ich sehr betroffen.

Hast du dich mit Kollegen, die als politische Zeichner tätig sind, über den Anschlag ausgetauscht?

Es gab u.a. eine Initiative von Wolf-Rüdiger Marunde, der ein Rundschreiben an alle deutschen Zeichner und Karikaturisten verfasst hat. Es ruft dazu auf, sich öffentlich zur Meinungsfreiheit zu bekennen. Neben etlichen anderen habe auch ich das Rundschreiben unterzeichnet.

Es kann nicht angehen, sich von Extremisten – egal wie gefährlich sie sind – vorschreiben zu lassen, wie man sich zu äußern hat. Eine derart grausame und dumme Tat darf niemals einen solchen Effekt haben.

Je mehr Leute aufstehen und sagen: „So werdet ihr nichts bewirken!“ desto besser!

Viele Zeichner haben sich natürlich mit Karikaturen zum Anschlag geäußert, etwa auf dem Rendsburger Blogspot.

Ist dir eine Idee gekommen, wie du selbst zeichnerisch auf den Anschlag reagieren würdest?

Ich sehe die Szene vom Messerwerfen im Zirkus vor mir. Die Person auf der Drehscheibe ist ein Terrorist mit Sturmmaske, um dessen Silhouette herum unzählige Bleistifte stecken. Dieses Instrument hat Kraft und kann verletzen, es würde aber nicht umbringen.

Hätte dich eine Zeitung gebeten, dich in Form einer Karikatur zum Anschlag zu äußern, hättest du „ja“ gesagt?

Das würde ich spontan behaupten. Ich hätte mich nicht der Drohung unterwerfen wollen. Aber ich möchte diese Antwort nicht herausstellen, denn es gibt Leute, die tatsächlich den Mut dazu hatten.

Meinst du, dass der Anschlag Auswirkungen auf das Medium Satiremagazin haben wird?

Ich hoffe ganz stark, dass genau das nicht passieren wird. Im Gegenteil, dass das Bewusstsein für die immense Bedeutung einer freien Presse – ob in Schrift- oder Bildform – noch stärker wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

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