Unter der Lupe: die zweite Ausgabe der „Berlin Valley News“

Unter der Lupe: die zweite Ausgabe der „Berlin Valley News“
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Unter der Lupe: die zweite Ausgabe der „Berlin Valley News“

© I-vista / pixelio.de

In der Rubrik Mediavantis Medienkritik widmen wir uns unregelmäßig Neuem aus Blätterwald, Webwelt oder anderen Orten, an denen sich Medienschaffende austoben. Kritik der Kritik ist selbstverständlich erwünscht!

Das Gründermagazin „Berlin Valley News“ ist Anfang Februar mit seiner zweiten Ausgabe erschienen. Im Dezember hatten wir den Neuling in der Welt der Magazine intensiv unter die Lupe genommen. Grund genug zu schauen, wie sich das Printprodukt entwickelt.

Vorweg: Bei der Zielgruppe scheint das Magazin bestens anzukommen. „Sehr gelungen“, „Lesenswertes neues Magazin“, „Uns überzeugt die erste Ausgabe!“ – so lesen sich die Feedbacks online und im Magazin. Lob in Hülle und Fülle, das die Macher sicherlich anspornen wird für die Folgeausgaben.

BerlinValleyNews_Ausgabe_002 (1)Doch, das muss man dem Team um Herausgeber Jan Thomas zu Gute halten, es druckt auch dezent kritische Töne wie diesen ab: „Optisch ist mir das Magazin etwas zu unruhig, zu kleinteilig, zu durcheinander. Insgesamt aber eine gute Idee.“ Mit ähnlichem Fazit beurteilte auch unsere Redakteurin Mareike Lange den Erstling. Idee und Inhalt überzeugten, aber in unserem Blog-Beitrag bemängelte sie Form, Aufbereitung und Duktus als kunterbunte Spielwiese. Die gute Nachricht: Berlin Valley hat unsere Kritik im Netz gefunden und gar ein Exzerpt auf ihrer Feedback-Seite aufgeführt. Souverän wäre hier allerdings gewesen, sich nicht nur die Rosinen in der umfangreichen Darstellung herauszupicken und alle Kritikpunkte positiv klingen zu lassen.

Wir hingegen bleiben ehrlich und üben erneut konstruktiv gemeinte Kritik.

MEHR, MEHR, MEHR

Beim Durchblättern der zweiten Ausgabe stellen wir zunächst fest: Das Heft hat an Umfang zugelegt. Satte 16 Seiten mehr als die Erstausgabe; 64 Seiten voller News, Geschichten, Häppchen. Und davon leider überbordend viele wie bei einem zu reichhaltigen Büffet, das schon vom Hinsehen satt macht.

Grafisch bleiben die Macher sich und der eingeschlagenen Linie treu. Doch nur auf den ersten Blick. Und das im wahrsten Sinne, wenn man allein die unterschiedliche Coverwahl betrachtet. Der Eye-Catcher bleiben Menschen. Das ist gut. Nach Farbbild nun ein Schwarz-Weiß-Portrait auf dem Titel, das Orange im Schriftzug ist noch satter als jenes in der Erstausgabe – leider lenkt der leuchtende Orangeton das Auge  noch stärker auf das Adjektiv „kostenlos“ im Banner unter „Berlin Valley“. Ein Wort, das einen als erstes anspringt und viel über Wertigkeit aussagen kann. Und die Frage aufwirft, ob man auf Anhieb damit assoziiert werden möchte – denn im Gegenzug dazu verschwindet der zielgerichtete Hinweis „Das neue Monatsmagazin für Deutschlands Gründermetropole“ fast kleinteilig, dünn und unleserlich in der Unterzeile des Titels.

Was auch in der zweiten Ausgabe bleibt, ist die verstörende Mannigfaltigkeit an Typografien. Und die zieht sich vom Umschlag bis zur letzten Seite durch. Dabei war das Aufschlagen des Heftes diesmal durchaus erfreulicher. Es wirkt aufgeräumter, das Inhaltsverzeichnis überrascht mit einer angenehmen Optik – und überhaupt einer Gliederung. Noch mehr Reduzierung könnte hier wesentlich mehr Lust auf die folgenden Seiten machen – denn, auch das sei deutlich betont: Inhaltlich hat das Heft viel zu bieten.

THEMEN! WELCHE THEMEN?

Was nützen einem Magazin die spannendsten Themen, wenn sie niemand problemlos finden kann? Richtig, wenig. Eine optimierte Führung des Lesers ist ratsam, wenn er nicht nur kurz blättern und dann an einem beliebigen Häppchen hängen bleiben soll. Diesen Anspruch gilt es bereits bei der Titelgeschichte umzusetzen. Unter dem freundlich lächelnden Mann steht „Gut gelaunt“. Glaubt man ihm sofort. Aus der Unterzeile geht hervor, dass der Titel sich dem Gründer des Wissenschaftsnetzwerks ResearchGate Ijad Madisch widmet. Über sinnvolle Themensetzung als Titelstory, die für ein ganzes Heft Sogwirkung hat, mag man streiten. Wohl aber weniger über den Fakt, dass man diese sofort im Inhaltsverzeichnis finden sollte. Hier taucht der junge Unternehmer nun cool, aber namenlos im farbigen Profilfoto auf, daneben eine „28“. Im aufgelisteten Verzeichnis steht dann bei „28“: „Interview Ijad Madisch“. Keine Referenz an den Titel. Da wird dem Leser einiges an Kombinationsvermögen abverlangt.

Schade außerdem: Auf das Interview zu Madisch folgt ein weiteres Interview. Und noch eins. Und noch eins. Klar ist: Die Darstellungsform Interview ist toll. Allerdings, wird es zu häufig aneinander gereiht, ist es verschenkt. Der Raum für jeden einzelnen Protagonisten minimiert sich und das jeweilige Interview tritt fast in Konkurrenz zueinander. So unterscheidet sich das Titelinterview in der Länge auch nicht von anderen im Heft. Bleibt die Frage, warum gerade Ijad Madisch hervorheben?

Was die „Berlin Valley News“ nach wie vor überzeugen lässt, ist die große Bandbreite der Themen mit zweifelsohne tollen Rubriken wie dem „Elevator Pitch“, „Auf dem Grill“ oder dem Aufgreifen ganz aktueller Fragestellungen wie der nach der Mission Mindestlohn für Start Upper, der Situation der Generation Praktikum oder der nach Technologie Trends in diesem Jahr. Mit mehr Struktur käme das Heft jedoch geordneter daher, ohne an Frische zu verlieren. Eine thematische Hierarchie ist nach wie vor nicht zu erkennen; es bleibt ein buntes, wenn auch informatives, Sammelsurium auf 64 Seiten. Mit nicht deutlich definierten guten Rubriken nutzen die Macher nicht eine der Kernstärken eines Magazinformates: klare Themenschwerpunkte.

Selbiges gilt auch für eine sinnvolle Überarbeitung von Rubriken. „Zahlen, die Berlin bewegen“ erscheinen jetzt auf einer ganzen Seite. Was die gute Idee aber leider nicht besser macht. Richtig ist: Zahlen interessieren immer. Verschwinden die relevanten Informationen aber in einer winzigen Schriftgröße und gehen in einem nur optisch minimal unterteilten Einheitsbrei unter, dann ist die Recherche vollkommen unnütz. Das bewährte „Weniger ist mehr“ würde dem Ganzen auch hier gut tun.

SPARSAM MIT LEKTORAT. SCHADE!

Nein, wir wollen nicht kleinlich sein, aber Worte liegen uns am Herzen. Wir arbeiten täglich mit ihnen und wissen, welche Wirkung sie haben – positiv wie negativ. Ein Magazin muss sich immer auch an der Qualität seiner Beiträge messen lassen. Nicht nur inhaltlich. Ein sorgfältiges Lektorat sollte selbstverständlich sein, ist es aber nach wie vor nicht, wie dieses Heft zeigt. Sind noch zu viele Tippfehler und grammatikalische Schnitzer im Magazin, dann vergeht die Lust am Lesen. Egal ob kostenlos oder nicht. Im Gegenteil sollte man unter Beweis stellen, dass kostenlos nicht billig meint.

Unser Fazit vom letzten Mal können wir nur noch einmal wiederholen: Es ist ein junges, schnelles Format mit vielen guten Ideen. Noch leidet es an einem Zuviel von allem. Wenn sich die Macher auf klare Linien und wohltuende Reduktion – auch grafisch – besinnen, dann ist ihnen ein wirklich gutes neues Produkt gelungen, das auch langfristig seine Leser zieht.

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