Thomas Pletzinger: „Schreiben ist großer Luxus und schlimmer Fluch“

Thomas Pletzinger: „Schreiben ist großer Luxus und schlimmer Fluch“
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Thomas Pletzinger: „Schreiben ist großer Luxus und schlimmer Fluch“

© Foto: Juliane Henrich

INTERVIEW MIT DEM AUTOR ÜBER SPRACHLIEBE IN DEN ZEITEN DER DIGITALISIERUNG

Er ist Romancier („Bestattung eines Hundes“, 2008), Sachbuch-Autor („Gentlemen, wir leben am Abgrund“, 2012) und Dozent. Thomas Pletzinger aus Berlin lebt mit und von der Sprache und trat in den letzten Jahren immer wieder auch als Übersetzer auf. Wir haben uns mit ihm über die Liebe zu Wörtern und seine aktuellen Projekte unterhalten. Wie wird man überhaupt Schriftsteller? Und wie schwer ist es, zwischen verschiedenen Genres hin- und herzuspringen? Der 39-Jährige gab uns ausgiebig Antwort.

Frage: Im Journalismus hat sich das Tempo immer weiter verschärft. Jeder will – gerade online – der Erste sein. Leidet darunter Ihrem Empfinden nach die Sprache?

Thomas Pletzinger: Meine nicht, hoffe ich. Aber ich schreibe ja auch nicht in streng tagesjournalistischen Zusammenhängen. Ich bin primär Schriftsteller und arbeite an

Romanen, Sachbüchern, Erzählungen und Reportagen. Meine Deadlines sind nur sehr selten kurzfristig. Zumeist schreibe ich über Themen, Figuren und Geschichten, mit denen ich ausführlich und gründlich Zeit verbringen will. Die mich wirklich interessieren. Wenn das nicht der Fall ist, schreibe ich einfach nicht darüber. Das wirkt sich dann natürlich und hoffentlich auf die Sprache aus, den einzelnen Satz, die Wortwahl.

Ich nehme mir die Zeit, einen Satz dreimal hin- und herzuwenden, was ein großer Luxus und zugleich ein schlimmer Fluch ist. Manchmal wäre es schön, einfach kurzfristige Sätze herauszuhauen, die man übermorgen getrost wieder vergessen kann.

Sie leben mit und von der Sprache. Wann war Ihnen klar, dass Sie Ihr Leben zum großen Teil mit dem Schreiben verbringen werden?

Ich bin manchmal noch erstaunt darüber, dass es tatsächlich so gekommen ist. Geplant habe ich das nicht. Als Plan wäre das zu risikoreich gewesen. Ich bin immer mehrgleisig gefahren und hätte genauso gut Lektor oder Verlagsmensch werden können. Literaturwissenschaftler vielleicht, Medienwissenschaftler, Redakteur beim Fernsehen. Mein Studium habe ich mit der Übersetzung von Skateboard- und Motocrossvideos finanziert, später habe ich in der Lizenzabteilung eines Buchverlags gearbeitet. Aber im Grunde haben Sie Recht: All das hat im weitesten Sinn mit Sprache und Literatur zu tun und hat sich früh abgezeichnet. Dass ich nicht mit Zahlen, Gesetzen, Maschinen, Skalpellen oder chemischen Kampfstoffen arbeiten würde, war mir schon früh klar.

Viele sehen den Umgang mit Sprache als Naturtalent an. Ist es aber nicht auch das Ergebnis konsequenten Lernens? Wie haben Sie Ihren Stil entwickelt?

Als Kind habe ich gelesen wie verrückt, als Jugendlicher habe ich Basketball gespielt und heimlich Gedichte geschrieben. Deutsch und Englisch Leistungskurs, später ein Amerikanistikstudium. Parallel Übersetzungen, Verlagsarbeit, Tagebuch, ständige Kino- und Theaterbesuche. Interesse für Wörter, Glück und Wut beim Lesen und Hören. Das Beobachten anderer Autoren, das Analysieren von Texten. Dann wurde ich am Deutschen Literaturinstitut Leipzig angenommen und habe mich mit Ende zwanzig zum ersten Mal mit der Möglichkeit auseinandergesetzt, das Schreiben beruflich zu betreiben. Etwas Glück gehört dazu, ein wenig Talent wohl auch, aber in erster Linie scheint es Ausdauer und ständiges Hinterfragen der eigenen Worte zu sein, permanentes Feilen und ständige Überarbeitung. Und ständiges Lesen.

Sie sind als Romanautor bekannt, übersetzen aber auch und schreiben regelmäßig journalistisch. Was ist die besondere Herausforderung daran, zwischen diesen Welten hin- und herzuspringen?

Es ist ein Glück, nicht nur eins machen zu müssen. Geschichten zu erfinden kann wirklich großartig sein, aber manchmal ist es auch katastrophal kompliziert. Geschichten zu recherchieren ebenfalls. Man trifft Leute, man sieht andere Leben und Welten und kann darin eintauchen. Und dann macht man Sprache daraus. Beide Prozesse ähneln sich sehr. Beim Übersetzen hingegen kann ich schreiben und produzieren, ohne die Qualen des eigenen künstlerischen Schaffens ertragen zu müssen, die komplexen Strukturüberlegungen, die Zweifel, die ganz, ganz lange Strecke. Ein eigenes Buch ist eine mehrjährige Angelegenheit. Beim Übersetzen schreibt man Text, und am Ende fühlt es sich manchmal wie ein eigenes, frei und leicht geschriebenes Buch an.

Auf Seite 2: über Online-Journalismus und E-Reader

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