Kann denn Lüge Sünde sein? Pressesprecher und Journalisten

Kann denn Lüge Sünde sein? Pressesprecher und Journalisten
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Kann denn Lüge Sünde sein? Pressesprecher und Journalisten

Der Kontakt zwischen Pressesprechern und Journalisten gehört für beide Seiten zum Kern der Arbeit. So reibungslos das Verhältnis im Normalfall läuft, so herausfordernd wird es zuweilen im Einzelfall. Wie verhält sich der Pressesprecher im Umgang mit vertraulichen Informationen? Bleiben Hintergrundgespräche tatsächlich unveröffentlicht? Christian Blömer, Leiter Medien und Konzernsprecher der EWE AG, gibt im Interview Einblicke in seine Arbeitsweise und Erfahrungen im Umgang mit den neuen Medien.

Christian Blömer

Christian Blömer ist Leiter Medien und Konzernsprecher der EWE AG. Bild: Thorsten Ritzmann

Frage: Welche Grundsätze sind Ihnen bei der Zusammenarbeit mit Journalisten wichtig?

Blömer: Ich verstehe mich als fairer und verlässlicher Partner der Journalisten, daher löse ich diese Werte auch ein. Das heißt, ich bin zuverlässig, halte meine Zusagen ein und habe ein ehrliches Interesse, dem Journalisten im Rahmen meiner Möglichkeiten bei seinen Fragestellungen und seiner Berichterstattung zu helfen. Journalisten erhalten von mir darüber hinaus in der Regel einen Vertrauensvorschuss: Ich spreche relativ offen im Hintergrund mit ihnen. Wird dieses Vertrauen missbraucht, indem beispielweise aus Hintergrundgesprächen berichtet wird, verhalte ich mich künftig gegenüber diesem Kollegen distanzierter.

Sind bei Recherche-Fragen von Journalisten Unwahrheiten in der Antwort ein Tabu?

Ganz klar: ja! Wer als Pressesprecher bei einer Lüge ertappt wird, hat für alle künftigen Anlässe ein großes Akzeptanzproblem. Nicht zu lügen, heißt jedoch nicht, alle Wahrheiten ungefragt auf dem Silbertablett zu servieren.

Ist „kein Kommentar“ eine gute Alternative?

Die Antwort zu verweigern ist keine „gute“ Alternative, aber manchmal die einzige. Auf der anderen Seite ist es auch legitim, nicht auf alles zu antworten. Über manche Dinge darf beispielsweise bis zu einem vereinbarten Zeitpunkt nicht gesprochen werden, so beim Kauf oder Verkauf von Beteiligungen. Wichtig ist hier, wie man das „kein Kommentar“ gegenüber dem Journalisten verpackt. Nach meiner Erfahrung wissen die meisten Journalisten, dass ein Pressesprecher gewisse rote Linien hat, die er nicht überschreiten darf. Das wird dann auch respektiert. Und genauso weiß ich, dass es Aufgabe der Journalisten ist, es trotzdem bei mir zu versuchen. Wenn man die jeweiligen professionellen Rollen dann offen thematisiert, ist das kein Problem, sondern schafft in vielen Fällen sogar noch etwas mehr Kollegialität und gegenseitiges Verständnis.

Sie erwähnten die Hintergrundgespräche. Kann man Journalisten hierbei vertrauen?

Eine pauschale Antwort darauf ist sicherlich nicht möglich. Wie immer im Leben kann man den meisten Menschen – auch Journalisten – in einem vernünftigen Maß vertrauen. Es gibt aber natürlich auch Ausnahmen und Kollegen, die an Journalisten überzogene Maßstäbe anlegen, weil sie deren Rolle und Zwänge nicht ausreichend antizipieren. Grundsätzlich gilt aber: Journalisten leben von Informationen. Deshalb sind sie auch auf Menschen angewiesen, die ihnen einen Blick hinter die Kulisse ermöglichen, Zusammenhänge erläutern, Kontakt herstellen und Lücken in der Recherche füllen. Pressesprecher leben von Kontakten zu Medien – und deshalb sind Sie darauf angewiesen, langfristige professionelle Kontakte zu Journalisten aufzubauen. Beide Seiten haben in der Regel also deutlich mehr Interesse an einer langfristigen Zusammenarbeit, als an einem einzelnen Coup. „Gefährlich“ sind in der Regel nicht die Kontakte, die man schon lange kennt, sondern sporadische oder neue.

Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht? 

(schmunzelt) Ja, aber mit jedem der betreffenden Journalisten nur einmal.

Kann man diesen seltenen Schwierigkeiten vorbeugen?

Nach einiger Zeit entwickelt man ein Gespür für Kontakte, mit denen man vorsichtiger umgehen muss als mit anderen. Diesem Instinkt sollte man auch folgen, also auf seinBauchgefühl hören. Wenn es dann mal schiefgegangen ist, thematisiere ich meine Enttäuschung darüber gegenüber dem betreffenden Journalisten sehr klar. Es gibt daher Kontakte, denen ich nur noch schriftlich antworte, um exakt zu dokumentieren, wie ich mich geäußert habe. Die kann ich aber an einer Hand abzählen.

Wie erleben Sie als Verantwortlicher in der Konzern-Kommunikation den Medienwandel hin zu online im Allgemeinen und Social Media im Speziellen?

Der Medienwandel hin zu online ist natürlich stark zu spüren – insbesondere bei den überregionalen und Fach-Medien. Er hat das Recherche- und Informationsverhalten der Leser grundlegend verändert. Auf der für uns so wichtigen regionalen und lokalen Ebene gibt vielerorts allerdings nach wie vor die Printausgabe, der Hörfunk- und/oder TV-Sender den Ton an. Auch bei technisch, wirtschaftlich und politisch anspruchsvollen Themen wie Energiewende, Breitbandausbau, intelligente Netze etc. sind nach wie vor Journalisten und Unternehmensvertreter unersetzlich, um den nötigen Input für eine zielführende Diskussion oder den Anlass für Neuigkeiten zu liefern. Für die Verbreitung von Neuigkeiten haben soziale Netzwerke eine wichtige zusätzliche Multiplikatorrolle eingenommen. Meist informieren sich die Menschen zu diesen Themen nach wie vor primär aus den journalistischen Medien und über die Unternehmenswebseiten und beginnen dann die Weiterverbreitung und Diskussion im Social Web.

Wo sehen Sie aus Unternehmenssicht Stärken, Gefahren und möglichen Nutzen der Social Media?

Die sozialen Medien sind hervorragend geeignet, um Informationen schnell zu verbreiten, Feedback zu geben und einzuholen sowie Anliegen – z. B. im Service-Bereich – im direkten Dialog zu klären. Social Media ist für uns somit ein wichtiger Bestandteil des Kommunikationsmixes. Zugleich gibt es im Social Web aber riskante Tendenzen zum unreflektierten Aufschaukeln von Themen. Das wird natürlich auch durch die hohe Geschwindigkeit und Niederschwelligkeit im Social Web begünstigt, mit der Dinge geteilt, bewertet und kommentiert werden können. So können Enthusiasmus- und Empörungsspiralen entstehen, die mitunter wenig mit den Fakten zu tun haben.

Wie wichtig ist „klassische Pressearbeit“ für die Unternehmenskommunikation überhaupt noch? Jeder kann schließlich im Social Web heute selbst zum Sender werden.

Nach wie vor spielt die klassische Medienarbeit für uns eine zentrale Rolle. Als regional verankertes Unternehmen sind insbesondere die Lokal- und Regionalmedien für uns unersetzlich. Hinzugekommen ist sicherlich, dass bestimmte Blogger und Twitterer stärker eingebunden werden, da sie in eine journalistische Rolle gewachsen sind. Ich sehe das zum jetzigen Zeitpunkt eher als eine wertvolle Ergänzung und nicht als Verdrängung der klassischen Medien.

Herr Blömer, vielen Dank für das Gespräch.

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