Roboterjournalismus: Wissen und Wortwitz versus Maschine

Roboterjournalismus: Wissen und Wortwitz versus Maschine
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Roboterjournalismus: Wissen und Wortwitz versus Maschine

Warum wird jemand Journalist? Weil ihn die Welt interessiert, weil er neugierig ist, weil er seine Erkenntnisse wortgewitzt vermitteln will. Alles Eigenschaften, die eine Maschine nicht aufweisen kann. Und dennoch geht unter Journalisten die Angst vor den Automaten um. Werden die Algorithmen die Kreativität killen? Quatsch, meint Mediavanti-Geschäftsführer Claus Spitzer-Ewersmann.

Es gab sie immer schon. In jeder Redaktion traf und trifft man sie. Bei den Tageszeitungen ebenso wie bei den Magazinen – jene schreibenden Kollegen, denen nichts einfällt. Matronenhaft sitzen sie am Schreibtisch und warten auf ihre Eingebung. Und wenn der Geistesblitz sie – wie meistens – doch nicht trifft, klagen sie ungefragt den Umstehenden ihr Leid: „Es gibt einfach keine neuen Themen mehr!“Nein, natürlich nicht. Und dann gehen sie wieder zum Tief- und Dämmerschlaf über. Draußen auf den Straßen tobt derweil das Leben.

ERST DER SPORT, DANN DIE BÖRSE

Als unlängst das Berliner Unternehmen Retresco mit der Mitteilung von sich reden machte, zukünftig automatisch generierte Texte über Fußballspiele anzubieten, war der Aufschrei groß. Nun sei es an der Zeit, endlich die Notbremse zu ziehen. Wenn der Computer im Alleingang vom Kreisligaspitzenspiel Spvgg. Pusemuckel gegen TuS Dingenskirchen oder meinetwegen auch über Borussia Dortmund gegen VfL Wolfsburg berichte, dann stehe der Untergang mindestens des Journalismus unmittelbar bevor, hieß es. Denn die Roboter würden sicher auch bald schon die Börsen- und Finanzmeldungen übernehmen.

Na und? Lasst den Kollegen Computer doch fein nach Lehrbuch Subjekt, Prädikat, Objekt aneinander reihen. Endlich übernimmt jemand diese öden Spaßbremsen. Vielleicht schafft er’s ja sogar, mit dem Phrasenmixer noch ein paar der schlimmsten Floskeln hinzuzugeben. Ich bin gespannt, wann dann wieder von dem ominösen Gegentor die Rede ist, das zu einem „psychologisch ungünstigen Zeitpunkt“ fiel. Als ob es ein geeignetes Timing für solche Treffer gebe.

LASST DEM COMPUTER DEN CHRONISTENJOB!

Freuen wir uns endlich, dass sich niemand mehr mit diesem Woche für Woche gleichen Worthülsengebräu und Zeitfresser herumplagen muss. Es tut mir leid, aber jeder, der meint, er ließe sich durch einen Textroboter ersetzen, hat ein verdammt geringes Selbstbewusstsein – und liegt deshalb komplett richtig. Wenn die Aufgabe tatsächlich so aussieht wie beschrieben, ja, dann kriegt solch ein Gerät das mindestens genauso gut hin.

Aber: Wollen wir wirklich an diesen Punkt kommen? Ist es das Ziel, Sieben- oder Achtzeiler zu produzieren, in denen wir einer vermeintlichen Chronistenpflicht Folge leisten? Bitte nicht! Das soll der Computer mal ruhig machen. Suchen wir stattdessen nach den richtigen Geschichten am Spielfeldrand. Nach dem Würstchenverkäufer, der bei jeder Partie am Grill steht. Nach dem Kartenabreißer an der Kasse und dem jugendlichen Schiedsrichter, der sich von wüsten Beschimpfungen nicht schrecken lässt. Oder schauen wir auf den anderen Spielfeldern unseres Lebens, was da los ist. Keine neuen Themen? Von wegen. Jeden Tag gibt es sie zuhauf. Geht raus, schnuppert das Leben, nehmt Witterung auf. Macht endlich euren Job. Alles andere kann der Roboter.

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