Genauigkeit als Gütesiegel – über Wahrhaftigkeit in Journalismus und PR

Genauigkeit als Gütesiegel – über Wahrhaftigkeit in Journalismus und PR
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Genauigkeit als Gütesiegel – über Wahrhaftigkeit in Journalismus und PR

„Die Namen müssen stimmen!“ Jahrelang klebte dieses Bonmot an der Redaktionstür einer großen deutschen Regionalzeitung, für die ich in den 1990er Jahren als Journalist gearbeitet habe. Dennoch leistete sich der Chefredakteur regelmäßig Wutausbrüche – weil ein Name eben doch falsch wiedergegeben worden war. Über seinen Kommunikationsstil lässt sich streiten, in der Sache aber hatte er Recht. Genauigkeit gilt als Gütesiegel im Journalismus – aber auch für Öffentlichkeitsarbeit? Da sieht man es mit den Fakten eher nicht so genau, oder? Wie es sich mit Wahrhaftigkeit in Journalismus und PR verhält, verdient eine eingehendere Auseinandersetzung.

Herbe Kritik an solch vermeintlichen Marginalien wie falsch geschriebenen Namen hat einen guten Grund: Es geht um nichts weniger als Glaubwürdigkeit. Wenn schon dieser Fakt nicht korrekt ist, wie soll sich der Leser dann darauf verlassen können, dass der Rest des Artikels der Wahrheit entspricht? Ist eventuell alles ungenau recherchiert? Der Eindruck könnte entstehen. Sorgfältig arbeitende Medien machen in einem Erratum auf solche Fehler aufmerksam und korrigieren sie. Die Mehrzahl tut das allerdings nicht; als ob es egal wäre, was dem Leser vorgesetzt wird … so lange sich keiner beschwert.

DIE JEWEILIGE KLAGE: „JOURNALISTEN HABEN ES LEICHT!” VERSUS „KONZERNSPRECHER MANIPULIEREN!”

Dabei hätten es die Journalisten leicht, pflegen Konzernsprecher nicht selten zu behaupten. Würden sie etwas Falsches veröffentlichen, sei im schlimmsten Fall eine Gegendarstellung erforderlich. Gäbe dagegen der Konzern etwas Unrichtiges heraus, könne das üble Folgen für das Unternehmen haben. Journalisten wiederum machen sich über diese Klage gerne lustig. Aus ihrer Sicht bestehen Sinn und Zweck von PR ja gerade darin, die Öffentlichkeit – anders als beim Journalismus – eben nicht nur zu informieren, sondern zu manipulieren, getreu des Mottos: „Wes Brot ich eß, des Lied ich sing.“ „Public Relations: Lizenz zum Täuschen“ titelte Spiegel-Online 2008 gar mit Verweis auf diverse Manipulationen von PR-Beratern.

DIE GLAUBWÜRDIGKEIT DER MEDIEN IST IN GEFAHR

Journalisten könnte man ebenso entgegenhalten, dass sie von Verlagen bezahlt werden, die einen großen Teil der Erlöse von Anzeigenkunden erzielen. Eine Gruppe von DAX-Konzernen beschwerte sich im Manager Magazin unlängst, dass es für die Wirtschaft viel zu leicht sei, die redaktionelle Berichterstattung zu beeinflussen. In seinem neuen Kodex fordert der „Arbeitskreis Corporate Compliance der deutschen Wirtschaft“ gar, die „Trennung redaktioneller und werblicher Inhalte“ wieder einzuführen. Ansonsten wäre – da ist sie wieder – die Glaubwürdigkeit der Medien in Gefahr.

Wer selbst als früherer Journalist im Bereich Öffentlichkeitsarbeit beratend tätig ist, den überrascht diese Kritik nicht. (Die Herausforderungen des Übergangs beschreibt Branchenkollege Markus Franz ehrlich und anschaulich in diesem Artikel.) Ich bin immer wieder erstaunt, in welchem Ausmaß Medien im Auftrag von Kunden produzierte Presseinformationen ohne Rückfrage eins zu eins veröffentlichen – und zwar ohne, dass zusätzlich Geld an den Verlag geflossen wäre. So etwas wäre vor zehn oder 15 Jahren unvorstellbar gewesen, sondern Anlass für die Redaktion, eine eigene Berichterstattung zu erwägen – Relevanz vorausgesetzt. Heute fehlt offenbar in den Redaktionen das Personal, mangels Erfahrung inzwischen vielleicht sogar die Kompetenz für ein sorgfältiges Abwägen.

GEMEINSAMES ZIEL: DIE WIRKUNG VON WAHRHAFTIGKEIT

Doch eben diese Kombination aus Berufskenntnis und Wissen bzw. Intellektualität braucht es, um genauer und wahrheitsgetreuer Berichterstattung gerecht zu werden. Sich „mal eben schnell einen Überblick über das Thema zu verschaffen“, reicht in vielen Fällen nicht aus. Manche Themen(gebiete) sind schlicht zu komplex, um sie (schnell) erfassen und fehlerfrei darstellen zu können. Dazu benötigt es – neben allem Taktieren – auch eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Journalismus und PR. Beide müssen darauf vertrauen können, dass die Fakten richtig vor- und wiedergegeben werden.

Denn: Wahrhaftigkeit kann sowohl im Journalismus als auch in der Öffentlichkeitsarbeit und vor allem im Zusammenspiel eine große Wirkung entfalten.

Darum ein Hoch auf das Bonmot: Die Namen müssen stimmen!

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