World Press Photo 15 in Oldenburg: Die Stimmung des Moments einfangen

World Press Photo 15 in Oldenburg: Die Stimmung des Moments einfangen

World Press Photo 15 in Oldenburg: Die Stimmung des Moments einfangen

Es sind eindringliche und ausdrucksstarke, berührende und ergreifende Dokumente der Zeitgeschichte, die vom 20. Februar bis zum 13. März 2016 in Oldenburg gezeigt werden. Erstmals wird die Ausstellung der „World Press Photos“ im Nordwesten Deutschlands zu sehen sein. Sie umfasst insgesamt über 145 Aufnahmen. Der Journalist Martin Wein fragte den Initiator Claus Spitzer-Ewersmann, Geschäftsführer der Medienagentur Mediavanti, was ihn an den Bildern so fasziniert, dass er sie nach Oldenburg holt.

Frage: Nach 58 Jahren holen Sie die World Press Photos erstmalig nach Niedersachsen. Das wurde auch Zeit, oder?

Claus Spitzer-Ewersmann: Das sehe ich genauso! Ich habe die Ausstellung inzwischen mehrmals gesehen – zuletzt im ehrwürdigen Raffles-Hotel in Singapur. Danach habe ich mich informiert, wohin ich meine Bekannten und Kunden in Deutschland schicken könnte, um diese aufwühlenden Zeitdokumente auch anzuschauen. Da wäre die Reise allerdings weit. Deshalb habe ich mich nun selbst darum gekümmert.

Warum sollte man sich 150 Pressefotos in einer Ausstellung anschauen?

Spitzer-Ewersmann: Weil man sehen kann, in welchem Zustand unsere Welt sich heute befindet. Diese Fotos zeigen in sehr prägnanten Schlaglichtern die Umstände, unter denen wir Menschen leben – die Katastrophen und Konflikte, aber auch die heiteren Seiten. 

Präsentieren Sie die weltbesten Aufnahmen in einem würdigen Rahmen?

Spitzer-Ewersmann: Ich denke schon. Wir zeigen sie im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte im Oldenburger Schloss – und zwar in den Räumen im Dachgeschoss, die die Besucher auch sonst von Fotoausstellungen kennen.

Welche Faktoren machen ein Pressefoto zu einem Dokument der Zeitgeschichte?

Spitzer-Ewersmann: Ein Pressefoto muss auch für einen nicht am Ort des Geschehens anwesenden Betrachter die Stimmung des Moments einfangen. Das hat viel mit Zufall, aber auch viel mit einem Blick für das Wesentliche zu tun. Insofern lässt sich das nur selten komponieren. Ein wichtiger Schritt ist die Auswahl des richtigen Motivs aus der vorhandenen Bildauswahl. Auch daran erkennt man einen guten Fotografen.

Wei (19) arbeitet in einer Fabrik in Yiwu im Osten Chinas, wo er Polystyrol-Schneeflocken mit rotem Farbpulver besprüht. Er trägt eine Weihnachtsmann-Mütze als Haarschutz und verbraucht täglich mindestens sechs Mundschutz-Masken. Nach Angaben der Presseagentur der chinesischen Regierung produzieren 600 Fabriken
in Yiwu rund 60 % der Weihnachtsdekorationen weltweit. In diesen Werken arbeiten meist zugewanderte Arbeitskräfte 12 Stunden pro Tag für 270 bis 400 Euro monatlich. Wei, der aus dem 1.500 km entfernten ländlichen Guizhou kommt, weiß nicht genau, was Weihnachten ist, glaubt aber, es sei eine Art chinesisches Neujahr im Ausland.

Ein Motiv aus der Ausstellung, die im Februar und März in Oldenburg zu sehen sein wird. Foto: Ronghui Chen, China, City Express

Heute ist doch praktisch überall ein Smartphone zur Hand. Welche Rolle spielt da noch professionelle Arbeit?

Spitzer-Ewersmann: Sicherlich gibt es Smartphone-Schnappschüsse, die um die Welt gehen. Um wirklich bei den Betrachtern im Gedächtnis zu bleiben, muss ein Foto aber wie ein Kunstwerk auch gewisse professionelle Kriterien erfüllen. Das fängt beim Bildschnitt an und hört bei der Ausleuchtung noch lange nicht auf. Es ist ein Irrtum zu glauben, ein Foto sei schon gelungen, wenn nicht alle Füße abgeschnitten sind. Solche Ergebnisse erzielen die meisten Fotografen nach wie vor nur mit einer soliden Ausbildung oder langjähriger Übung. Und sie brauchen dazu auch die Gestaltungsmöglichkeiten, die professionelle Kameras bieten. Außerdem kommen sie an Orte, an die Menschen gewöhnlich selten reisen. Sie können die Welt aus anderen Perspektiven und mit anderen Protagonisten zeigen.

Warum haben eigentlich deutsche Verlage so wenig Interesse an dem Wettbewerb?

Spitzer-Ewersmann: Wenn die Jury ihre Siegerfotos prämiert hat, werden die anschließend schon in allen Zeitungen abgedruckt. Danach wird es aber schnell wieder still um den Wettbewerb. Und es ist tatsächlich so, dass kaum noch welche der später ausgezeichneten Aufnahmen vorher in deutschen Medien zu sehen waren. Insgesamt legt man heute weniger Wert auf gute Bilder. Die wenigsten Redaktionen haben überhaupt noch einen Bildredakteur oder eigene Fotografen, die dann meist von einem Termin zum nächsten gehetzt werden.

Warum engagiert sich andererseits eine kleine inhabergeführte Medienagentur wie Mediavanti für das Projekt?

Spitzer-Ewersmann: Wir experimentieren gerne. Alles, was sich im Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit entwickelt, beobachten wir aufmerksam. Wir suchen nach Projekten, anhand derer wir unsere Kompetenzen beispielhaft präsentieren können. Gerade bei dieser Ausstellung empfanden wir zudem die gesellschaftliche Aufgabe, sie zu zeigen. Dazu kommen engagierte Mitarbeiter, die sich von mir glücklicherweise sofort dafür begeistern ließen.

Aufnahmen, die um die Welt gingen, zeigten zum Beispiel das kleine nackte Mädchen in Vietnam, das vor einem Napalm-Angriff davonrennt. Hätte der Fotograf ihm nicht eher helfen sollen?

Spitzer-Ewersmann: Ja, hätte er! Die eine Frage ist: Konnte er das? Die andere Frage lautet: Hat er mit dieser ikonenhaften Aufnahme nicht vielen anderen geholfen, indem er die Weltöffentlichkeit für das Grauen des Kriegs sensibilisiert hat? Schließlich waren es Fotos wie dieses, die dem Wahnsinn in Vietnam in den USA die Zustimmung entzogen haben. Ähnlich verlief ja kürzlich die Diskussion um das Bild des toten Flüchtlingsjungen an einem Strand der Türkei. Die dritte Frage, die sich stellt: Darf man solche Bilder zeigen und sich damit über die Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten hinwegsetzen? Wir sind da selbst gespalten und werden die Thematik deshalb im Rahmen der Ausstellung in einer eigenen Podiumsdiskussion mit prominenten Gästen aufgreifen.

Der Besuch der Vorjahresausstellung in Singapur weckte in Claus Spitzer-Ewersmann den Ehrgeiz, die World Press Photos in Oldenburg zu zeigen.

Der Besuch der Vorjahresausstellung in Singapur weckte in Claus Spitzer-Ewersmann den Ehrgeiz, die World Press Photos auch in Oldenburg zu zeigen. Foto: Mediavanti

Die Massenmedien, gerade die gedruckten, stehen unter enormem Veränderungsdruck. Viele Zeitungen zahlen kaum noch 20 Euro Honorar für ein Bild. Ist die Ausstellung der Abgesang auf ein lange gepflegtes Genre?

Spitzer-Ewersmann: Die Pressefotografie als eigener Zweig funktioniert als alleiniges Standbein nicht mehr. So kümmern sich etwa die Pressefotografen hier in der Region auch alle um ganz andere Aufträge. Trotzdem glaube ich, dass es auch in Zukunft einige wenige Spezialisten geben wird, die an den Nachrichten-Hotspots der Welt tätig sind, um von dort zu berichten. Vielleicht wird eine Elite von Medien-Konsumenten sogar wieder verstärkt Qualität einfordern und bezahlen, wenn sie sich von den herkömmlichen Angeboten nicht mehr ausreichend informiert fühlt.

Bei der Ausstellung allein soll es nicht bleiben …

Spitzer-Ewersmann: Richtig, wir haben in der Tat ein umfangreiches Rahmenprogramm geplant, in dem wir uns mit dem Thema Fotojournalismus befassen. Es wird ein kleines Filmprogramm geben, wir werden auch etwas zum Thema Bildmanipulation anbieten. Sonntagsmorgens laden wir außerdem zu kleinen Matineen mit bekannten Pressefotografen ein.

Ist das Engagement nun ein einmaliges Projekt?

Spitzer-Ewersmann: Die World Press Photo Foundation hat großes Interesse an einer Wiederholung. Wir auch. Zu einer guten Ausstellung gehören aber auch viele Besucher. Insofern sind wir erstmal gespannt, ob der Nordwesten sich für die besten Pressefotos der Welt ebenso begeistert wie wir.

Herr Spitzer-Ewersmann, vielen Dank für das Gespräch.

 

Übrigens: Auf der Facebook-Seite bleiben Sie stets auf dem Laufenden über die Ausstellung der World Press Photos in Oldenburg.

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3 Responses to World Press Photo 15 in Oldenburg: Die Stimmung des Moments einfangen
  • Britta Acquistapace

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    als gebürtige Oldenburgerin, die seit sechs Jahren in München lebt und beruflich aktiv eine Plattform für zeitgenössische Kunst und Fotografie betreibt, freue ich mich sehr über die kommende Ausstellung von World Press Photo in meiner Heimatstadt!

    Ich wünsche allen Beteiligten viel Erfolg!

    Vielen Grüße aus München,

    Britta Acquistapace

    • Claus Spitzer-Ewersmann
      Claus Spitzer-Ewersmann

      Liebe Frau Acquistapace,
      vielen Dank für die guten Wünsche, über die wir uns sehr gefreut haben. Falls Sie zwischen dem 20. Februar und dem 13. März einmal das dringende Bedürfnis verspüren, ihrer alten Heimat einen Besuch abzustatten, geben Sie uns gern Bescheid. Dann organisieren wir Ihnen gern eine persönliche Führung durch die Ausstellung. Ansonsten wünschen wir Ihnen weiterhin viel Erfolg mit Ihrer Plattform und hoffen ein klein wenig darauf, dass WPPOL darauf vielleicht sogar einmal Erwähnung findet.
      Beste Grüße in den Süden
      Claus Spitzer-Ewersmann

  • Manfred Frerichs

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    ich finde es ganz toll, dass es Ihnen gelungen ist, diese außergewöhnliche und sicherlich beeindruckende Ausstellung nach Oldenburg zu holen! Für mich jetzt schon der kulturelle Höhepunkt des Jahres 2016. Eine Ausstellung, die ich mir bestimmt nicht nur einmal ansehen werde.

    Mit freundlichen Grüßen

    Manfred Frerichs