Hashtag-Aktivismus: vom Web auf die Straße

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Hashtag-Aktivismus: vom Web auf die Straße

In den sozialen Netzwerken ist Hashtag-Aktivismus längst fester Bestandteil des Community-Alltags. Kaum ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis kommt ohne ein eigenes Schlagwort mit Raute aus. Besonders auf Twitter verbreiten sich die getaggten Beiträge oft rasend schnell. Und zack, die Hashtag-Aktion geht viral.

Helfen – mit einem Klick?

Hand aufs Herz: Wir diskutieren doch alle gern. Noch nie ging das schneller als über Social Media. Das Smartphone in der Hosentasche ist schnell gezückt und im nächsten Moment auch schon der erste Tweet verfasst. Oder das Like auf Facebook vergeben. Oder die Online-Petition unterzeichnet. Böse Zungen nennen das Slacktivismus – zusammengesetzt aus dem Englischen „Slacker“ für Faulpelz und Aktivismus. Andere sprechen vom Feel-Good-Activism: die eigene Meinung kundtun, sich beteiligen, das Gewissen beruhigen – alles gemütlich vom heimischen Sofa aus. Auf Facebook können User ihr Profilbild gar je nach soziopolitischem Anlass einfärben: Mit nur einem Klick zeigt sich der Nutzer mit Länderflagge, in Regenbogenfarben oder Anti-Atomkraft-Button. Häufig wird solchen Netz-Kampagnen nachgesagt, sie seien nur kurzlebig. Aber: Es gibt auch Aktionen im Social Web, die Veränderungen antreiben. Einige sind sogar zu weltweiten sozialen Bewegungen geworden.

Twitter bringt Menschen zusammen

Twitter, das digitale Diskursuniversum. In (bisher) bis zu 140 Zeichen werden (zumeist) politische Themen hitzig diskutiert und hinterfragt, nicht selten emotional aufgeladen. Wenn die Online-Debatte in den Social Media dann auch in der Offline-Welt präsent wird, kann sie erstaunliche Effekte auf gesellschaftliche Diskurse haben. Beispiel #Aufschrei: Dahinter steckt die Anfang 2013 entflammte Debatte über Alltagssexismus. Nachdem Journalistin Laura Himmelreich eine aus ihrer Perspektive sexistische Begegnung mit FDP-Politiker Rainer Brüderle beschrieb, initiierte Feministin Anne Wizorek auf Twitter #Aufschrei. Und traf einen Nerv: Nur 24 Stunden nach ihrem Tweet gab es bereits mehr als 38.000 Antworten von Betroffenen, die ihre eigenen Erfahrungen mit Alltagssexismus in ihren Kurznachrichten teilten. Die Twittersphäre wurde für sie zu einem Ort regen Austausches. Die Hashtag-Kampagne sorgte medienübergreifend für derart starkes Aufsehen, dass sie vom Grimme Institut als „gesamtgesellschaftlich in aller Breite geführte Diskussion, die im Web mitgezündet wurde“ mit dem Grimme Online Award 2013 ausgezeichnet wurde. #Aufschrei zeigt auf eindrückliche Weise, wie ein soziales Medium zum Sprachrohr einer Ad-hoc-Gemeinschaft werden kann und Menschen mit ähnlichen Interessen, Fragen und Gedanken zusammenbringt.

Über Solidarität und Partizipation

Durch Social Media treten soziopolitisch relevante Debatten in Sekundenschnelle in unsere Realität – egal wie weit die Ereignisse eigentlich von uns entfernt sind. Im Falle des Attentats auf die Redaktion von Charlie Hebdo hat ein einziges Hashtag rasend schnell internationale Reichweite erlangt: #JeSuisCharlie. In diesem Hashtag bekundete die Community nicht nur ihre Solidarität mit den Opfern, es entfachte auch weitergehende Debatten über Pressefreiheit und Islamismus. Gleichzeitig hatte #JeSuisCharlie weltweit eine unglaublich starke Versammlungskraft: Menschen verabredeten sich online für Schweigeminuten auf öffentlichen Plätzen und teilten diese Offline-Erlebnisse wiederum mit der Twittersphäre.

Auch der Rückblick auf den arabischen Frühling unterstreicht, wie Social Media eine gesamte Region mobilisieren können. Die repressiven Regime des Nahen Ostens und Nordafrikas setzten harte Einschnitte in der Pressefreiheit durch, sperrten Websites und lenkten die Berichterstattung stets zu ihren Gunsten. Die Kraft des Social Web erkannten sie jedoch – zum Glück der Protestierenden – zu spät. Die jungen Aktivisten nutzten die neuen Technologien zur internen Kommunikation und verabredeten Treffpunkte für Demonstrationen, um gemeinsam auf die Straße zu gehen. Ihre Erlebnisse teilten sie währenddessen und danach im Netz. Die wenigen vorhandenen Informationen aus dem Krisengebiet erhielt die Bevölkerung durch ebendiese Fotos, Videos und Tweets, die die Aktivisten über ihre Kanäle in die Welt trugen.


Fazit

Natürlich können Hashtags im Netz nicht die Welt retten. Trotzdem generiert diese Art der Partizipation doch Aufmerksamkeit und hat das Potenzial, ein gesamtgesellschaftliches, über die Grenzen von Twitter, Facebook und Co. hinausgehendes Bewusstsein zu schaffen. Es sind diese aufrüttelnden, oft politischen Ereignisse, die in der Gesellschaft das Bedürfnis nach Partizipation und Solidarisierung wecken. Wer Mitgefühl zeigt – ob durch ein Like, ein Share oder ein neues Profilbild bei Facebook – wird aktiv. Er setzt ein Zeichen. Indem sie Stellung zu tagesaktuellen Nachrichten beziehen, einen Kommentar dazu abgeben oder Anteil nehmen, bringen User ihre Gedanken ein und füttern den öffentlichen Diskurs. Mehr noch lassen sie ihn überhaupt erst entstehen und machen ihn damit für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich.

Zwischen ernstgemeintem Engagement und Slacktivismus sollte dennoch differenziert werden. Klar ist, dass ein Tweet oder ein neues Profilbild an sich nichts an der gesellschaftlichen Realität ändert. Erst wenn das Thema des Protests in den Köpfen der Menschen angekommen ist und sie sich zum Aufstehen, Anpacken, Losziehen bewegen lassen, kann man von politischem Aktionismus sprechen. Ist dieser Schalter im Kopf der Aktivisten erst einmal umgelegt, werden soziale und politische Missstände durch Hashtag-Aktivismus nicht nur sichtbar, sondern können Veränderungen im echten Leben bewirken. Der buchstäblich wichtigste Schritt zur Veränderung ist also jener vom Web auf die Straße – und den wagt nur ein Bruchteil der Online-Aktivisten.

Genau deswegen ist Protest im Netz nicht weniger Wert als die Montagsdemo in der Innenstadt. Er ist lediglich von anderer Qualität – und Quantität, erfasst der Protest im digitalen Raum doch potenziell weitaus mehr Mitstreiter, als eine Straße es je könnte.

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