Kunst von A bis Z

Gemälde von düster bis knallbunt, Fotografien von Bunker bis Baby und Skulpturen aus einem der feinsten Gewebe der Welt: Die Ausstellung „Künstler von hier“ bietet ein einmaliges Kunst- und Kulturerlebnis.

Es ist bunt. Sehr bunt. Wer durch die Tür der alten Kulturhalle am Oldenburger Pferdemarkt tritt, dem schwappt eine Welle von Kunstwerken in allen Farben entgegen. Beim Hineingehen fällt sofort die Vielfalt an Gemälden, Fotografien und Skulpturen auf. Am Eingang sitzt ein Musiker mit seiner Gitarre. Zu rhythmischen Klängen registriere ich mich in der Corona-App. Die Masken tun dem freundlichen Empfang einer Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern keinen Abbruch.

Foto: Doris Eickhoff

Eine Frau kommt auf mich zu. Karin Eickenberg. Journalistin und Mitorganisatorin der Ausstellung und des Drumherums. Ich bin mit Norbert Egdorf verabredet und erkundige mich nach ihm. „Der ist noch nicht da.“ „Na toll …“, denke ich. Nun beginnt es noch viel früher als befürchtet, dass ich unter der Anwesenheit einer Horde Künstlerinnen und Künstler so tun muss als hätte ich den Durchblick von den Dingen, die hier in der Halle ausgestellt sind. So werde ich dann wohl oder übel langsam durch die Halle schreiten müssen, vor den einzelnen Kunstwerken stoppen und nach einer kurzen Betrachtung andachtsvoll nicken. Doch zum Glück komme ich gar nicht erst in diese Lage, denn Karin Eickenberg rettet mich. Sie bietet mir an, mich etwas herumzuführen. Man merkt: Sie brennt für das Projekt. 

Eickenberg erklärt, dass die Werke in alphabetischer Reihenfolge der Nachnamen ihrer Erschafferinnen und Erschaffer an den Wänden aufgereiht seien. So gäbe es keine Sortierung nach Stilen oder anderen Kriterien. Dadurch entsteht ein äußerst abwechslungsreiches Gesamtbild. Dem Auge wird nicht langweilig. Hier hängen düstere neben humoristischen Gemälden. Seehundfotografien neben knallbunten Kinderbuchillustrationen. Skulpturen aus dem hauchdünnen Gewebe von Wespen- und Hornissennestern neben meterhohen Kunstwerken. Starke, abrupte Wechsel zwischen Stilen, Materialien, Themen. Besucherinnen und Besucher mit der Erwartung schnarchiger Museumsatmosphäre werden von der Ausstellung garantiert enttäuscht. Stattdessen erleben sie ein kulturelles Spektrum von A wie Akustikgitarre bis Z wie Zeichnung. 

Foto: Doris Eickhoff

Zuvor wurden über 100 Interviews geführt

Die Zusammenstellung der Kunstschaffenden kommt durch eine Interviewreihe der Oldenburger Zeitung „Diabolo“ zustande. Hierbei wurden mehr als 100 Künstlerinnen und Künstler aus Oldenburg und umzu befragt. Alle bekamen dieselben Fragen zu ihrem künstlerischen Schaffen gestellt. Die an der Ausstellung vom 27. August bis 12. September 2021 teilnehmenden Kunstschaffenden stammen aus den verschiedensten Kunstgattungen. Wie der Titel der Veranstaltung schon verrät: „Künstler von hier. Malerei, Bildhauerei, Fotografie, Literatur, Poetry-Slam, Musik und alles dazwischen …“.

„Wir wollten angesichts der durch die Corona-Pandemie entstandenen Einbußen, möglichst vielen Künstlerinnen und Künstlern, die Möglichkeit bieten, ihre Werke ausstellen zu können.“, so Mitorganisatorin Eickenberg. „Aufgrund des begrenzten Raums der Halle, konnten sie jeweils nur auf einer Fläche mit 1,50 Meter Breite ausstellen. Das ist beinahe eine komische Parallele zu dem Corona-Abstand.“ Lachend fügt sie hinzu: „Daraus hätten wir ein Konzept machen können. Wir hätten die Ausstellung „einsfünfzig“ nennen sollen.“ 

Foto: Peter Andryszak

Neuartige Kunsttechniken, die begeistern

Die Ausstellerinnen und Aussteller konnten frei wählen, welche ihrer Werke sie zeigen. Und die Vielfalt der präsentierten Werke ist das Erste, was mir ins Auge sticht. Es gibt laute Objekte, die auffordern, fast schon zwingen sie anzuschauen. Wie „Abbitte“ von Felix Froböse. Das große Gemälde, gegenüber des Eingangs, das mich beim Betreten der Halle direkt anblickt. Neben ruhigeren Objekten, wie den Installationen aus Acrylglas von Herbert Blazejewicz, die das Licht der alten Kulturhalle je nach Standpunkt der betrachtenden Person, anders reflektieren. Zu diesen Werken reihen sich andere mit neuen Verfahren. So die Objekte „Baumwächter“ von Charlotte Sieber. Die Oberfläche der Skulpturen hat die Künstlerin mit der Zellulose, dem feinen Gewebe von verlassenen Hornissen- und Wespennestern beschichtet. Dadurch entsteht eine außergewöhnliche Maserung.   

Foto: Peter Andryszak

Außergewöhnlich sind auch die Werke von Doris Eickhoff, die mit dem Transferlithografie-Verfahren entstehen. Karin Eickenberg erklärt bei einem Rundgang durch die Halle, dass bei dieser Technik keine Druckplatten aus traditionellen Materialien, sondern Laserkopien von Fotos zum Druck verwendet werden. Durch die noch junge Technik entstehen Ölgemälde in einer verwaschenen Optik, die wie Fotografien aus alten Tagen wirken. 

Als Kontrast hierzu gibt es wiederum Werke wie „Das Leben ist zu kurz, um klein zu sein…“ von Norbert Egdorf in der Ausstellung. Das Werk ist so realistisch gemalt, dass es den Anschein eines modernen Fotos macht. Es zeigt ein Baby in Windeln, das in feinen Anzugschuhen steht. Es soll eine gesellschaftskritische Botschaft überliefern, aber auf eine humoristische Weise, so Egdorf. Neben den für das kleine Kind viel zu großen Anzugschuhen sind feine Skizzenzeichnungen anderer Schuhtypen zu sehen. Zu der Linken des Kindes ein Turnschuh und zu der Rechten ein Springerstiefel. Der Künstler erklärt sein Gemälde wie folgt: „Wir Eltern und Erwachsenen haben eine Verantwortung den Kleinsten aus unserer Gesellschaft gegenüber. Unseren Kindern. Wir entscheiden darüber, welchen Einfluss wir auf unsere Kinder haben und in welche Richtung sie sich möglicherweise entwickeln. Doch leider verhunzen diesen Job manche.“ Ein Bild, das zum Nachdenken anregen soll und dies auch schafft.

Foto: Peter Andryszak

Egdorf ist nicht nur Mitinitiator der Ausstellung, sondern er ist auch derjenige, der das Layout der Plakate, Literatur, Aufkleber und vieles mehr, rund um die Ausstellung gestaltet hat. Besonders prägnant ist dabei immer der dicke, schwarze Pfeil, der nach unten zeigt. Ein Zeichen für das „hier“. Darüber bunte Rechtecke, die Bilderrahmen darstellen, deren Winkel so unterschiedlich verzerrt sind, dass der Effekt entsteht sie würden sich über den Pfeil vom oberen zum unteren Bildrand schlängeln.

Foto: Norbert Egdorf

Poesie und Kunst vereint 

Abgesehen von den schönen Dingen fürs Auge, gibt es bei „Künstler von hier“ auch solche für die Ohren. Das Rahmenprogramm umfasst neben musikalischen Beiträgen und Gesang auch Poetry-Slam. Auf die Frage wie man Poetry-Slammerin wird, antwortet Annika Blanke: „Indem man schreibt, viel schreibt. Und irgendwann denkt: Das möchte ich den Leuten eigentlich gerne noch näherbringen und der beste Ort dafür, ist für mich die Bühne.“ Sie hat sich mit der Künstlerin Nicole Seidenz zusammengetan. So entstehen Poetry-Slams von Annika Blanke zu den Bildern von Nicole Seidenz und andersherum Bilder von Nicole Seidenz zu Poetry-Slams von Annika Blanke. Nebenbei erwähnt ist Blanke für die „St. Ingberter Pfanne“, einen bedeutenden Kleinkunstpreis in Deutschland, nominiert.

Während meines Besuchs in der Ausstellung bemerke ich, wie sehr sich die Künstlerinnen und Künstler freuen endlich wieder ihre Werke präsentieren zu können. Die Spenden sind bestimmt auch eine Hilfe. Doch am meisten klingt mit, dass sie es genießen sich untereinander kennenzulernen und auszutauschen. Und möglicherweise entstehen für die Zukunft weitere bunte Kooperationsprojekte von verschiedenen Kunstformen. 

Foto: Norbert Egdorf

Ein Kompliment 

Abschließend stelle ich fest: Müsste ich meine Beziehung zur Kunst beschreiben, würde ich sagen: interessiert, aber ehrlicherweise habe ich wenig Ahnung. Bei mir gibt es die Kategorien „schön, gefällt mir“ und „nicht schön, gefällt mir nicht“. Vermutlich die schlimmsten Bewertungskriterien aus der Sicht von Künstlerinnen und Künstlern. Mir sind die Werke der großen Meister Monet, Van Gogh und Co., die wohl jeder kennen dürfte, wohl bekannt. Doch finde ich deren Werke besonders hervorragend aufgrund der großen, geschichtsträchtigen Namen ihrer Erschaffer und weil alle die Werke ja irgendwie gut zu finden scheinen? Oder weil sie sich tatsächlich künstlerisch abheben? Zu ihrer Zeit bestimmt. 

Lässt man sich auf Kunst ein, bemerkt man, dass es gar keine weltbekannten Namen und Metropolen braucht, um tolle Kunst und Kultur geboten zu bekommen. „Toll.“ Noch so ein Wort mit dem man sich in der Kunstszene vermutlich nicht sonderlich beliebt macht. An die Künstlerinnen und Künstler, die diesen Text möglicherweise und hoffentlich lesen: Nehmen Sie es bitte als Kompliment. 

Autorin: Lena Hofmann

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Redaktion Mediavanti

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