Mobile Reporting – kleiner Hype oder neue Medienmache?

Warum Journalisten zu Generalisten werden (müssen?)

Zielgruppen- und mediengerecht zu schreiben, das ist heute Grundqualifikation eines jeden Journalisten. In letzter Zeit aber sind Journalisten vor allem eins: Generalisten. Oder: Medienmacher. Und zwar gern für alle Medien. Ist das sinnvoll oder gefährlich?

Du kannst schreiben? Schön. Hier sind Kamera und iMac. „Ich bräuchte da mal ein Multimedia-Feature über die neue Autobahnbrücke. Audio, Video, Text, Fotos. Bisschen Musik dazu wäre auch schön. Nichts Krasses, nichts, was von der Story ablenkt. Du kannst ja mal ein paar Spuren einspielen, während du den Text einsprichst. Vielleicht springt noch ein Podcast dabei raus.“ Faible für Design, Ahnung vom Programmieren, Interesse an Webentwicklung und Frontend, Fotografie und natürlich Texten. Wer soll das bitte alles leisten?

Waren Journalisten nicht einmal Übersetzer?

Für Journalisten ist Twitter eine der wichtigsten Informationsquellen im Web. Zitate, Bilder oder kurze Clips teilen sie hier schnell und unkompliziert – und das häufig in Echtzeit vom Ort des Geschehens. 

Nicht falsch verstehen: Spezialisten, die schreiben, sind für Fachmagazine goldwert. Und Journalisten, die ein Auge für Bildmotiv und Gestaltung haben, runden ein Team ab. Sie kennen ihren Text in- und auswendig, wissen, worauf der Fokus liegt und was dem Duktus des Beitrags entspricht. Aber waren Journalisten nicht einmal Übersetzer für eben jene Experten, die mit Fachbegriffen um sich schmissen? Waren Sie nicht das Bindeglied zwischen den großen, komplexen Geschichten da draußen und den Menschen zu Hause? Und waren Fotografen nicht vor Ort mit Bildkomposition und Perspektive beschäftigt, ohne sich tausende Notizen ins Handy und Zitate in die Twitter-App zu tippen?

Die Reduktion der technischen Ausstattung auf Smart- oder iPhone, Mikrofon und Stativ erlebt eine Hochzeit. Auch die Big Player der Medienbranche setzen inzwischen auf mobile Reporter. Und dabei schleicht sich ein kleiner, fieser Gedanke ein: Vielleicht, nur ganz vielleicht, drücken sich so einige mit Mobile Reporting auch bloß den Stempel des vermeintlich innovativen, jungen Journalismus auf.

Mobile Reporting: eine Erweiterung der Medienmache

Sogar die Öffentlich-Rechtlichen verzichten auf große Produktion. Nah dran, echt, ohne viel Schnickschnack? Eben nicht! Kurz das iPhone gezückt, und schon wirkt die Reportage so viel authentischer. Wirkt. Viele Reporter reflektieren nicht nur ihre Rolle als Journalisten, sondern gehen noch einen Schritt weiter und sprechen mit den Rezipienten über deren Meinung, über Intention und Wirkung. Meta-Metaebene quasi. Mobile Reporting verheißt, ein ganz klein wenig davon abzubekommen.

Dabei ist Mobile Reporting mitnichten eine neue Form der Medienmache – sie ist eine Erweiterung. Wir sind unterwegs, und plötzlich geht die Demo los? iPhone raus, draufhalten, erste Bilder einfangen. Wir sind beim Pressetermin, Fotografen samt Kamera werden zur Seite gebeten – und der Journalist zückt das Smartphone, um einen O-Ton aufzuzeichnen. Produktion am Smartphone ermöglicht uns, Material fast im Moment des Geschehens zu veröffentlichen. Den Moment zu nutzen. Darum geht es. Nicht um große Produktionen, die zwar mit dem Handy gefilmt, aber ausgeleuchtet und nachbearbeitet werden. Denn die laufen nur pro forma unter dem Titel „Mobile Reporting“.

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Phyllis Frieling

Phyllis Frieling

Phyllis Frieling hat ihre journalistischen Erfahrungen unter anderem bei einer lokalen Tageszeitung gesammelt. Sie ist überzeugt: Spannende Geschichten wollen gefunden und erzählt werden. In ihren Texten zeigt die Kulturwissenschaftlerin dank ihrer gedanklichen und analytischen Flexibilität dabei gern neue Blickwinkel auf.

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