Nachtrag zu Julia Engelmanns Slam

Nachtrag zu Julia Engelmanns Slam

Nachtrag zu Julia Engelmanns Slam

© Freya Diepenbrock / pixelio.de

(Nachtrag deshalb, weil der Vortrag des Slam bereits ein Dreivierteljahr zurückliegt, weil sich der Hype nun auch mal legen könnte, weil genug gesagt worden ist, aber trotzdem noch dies gesagt werden muss)

Sie kam, sprach und siegte. So könnte man den Erfolgszug von Julia Engelmann beschreiben. Sie trat vergangenen Mai auf dem 5. Bielefelder Hörsaal-Slam auf, trug ihren Text vor und wurde bis heute über drei Millionen Mal auf YouTube geklickt, wenn auch mit einiger Verzögerung. Wieso aber dieser Hype, diese grenzenlose Zustimmung für Worte, die vielleicht nicht so, aber in anderer Form schon zu ihrer Generation gesagt wurden? Die clever, aber nicht brillant sind? Ein Erklärungsversuch.

Da steht eine 21-jährige Bremer Psychologie-Studentin am Mikrofon, die man anfangs nicht so recht einzuschätzen weiß. Einerseits wirkt sie wie ein verzagtes Mädchen, wie sie da so pferdeschwanzwippend nach vorne tritt und der Blick unstet zum Publikum, auf den Boden und wieder vor sich auf das Mikrofon fällt. Was hat man von so einer zu erwarten? Andererseits schwingt eine Toughness mit, wenn Julia Engelmann die belustigt bejahenden Publikumsreaktionen auf ihre Begrüßungssätze mit einem lässigen „okay“ registriert. Oder das „Slash“ mit der Hand nachzieht, während sie den Titel „One Day / Reckoning Text“ ihres Slams nennt. Publikums- und kamerascheu ist sie nicht, wie man wohl auch aus ihren früheren Auftritten bei einer RTL-Soap ablesen darf. Ist, was jetzt kommt, gar nur ein In-Szene-Setzen?

Ihr Slam beginnt mit der halb gesungenen, halb gehauchten Strophe aus „One day, baby we’ll be old“, dem von Wankelmut geremixten Song von Asaf Avidan. „Nein, nein, so war das alles nicht geplant“, wehrt sie lachend ab, als das Publikum anfängt zu klatschen. Obwohl es eben doch genauso gewollt ist. Da will man eigentlich eher abhaken. Sich eine weitere Version zu einem weiteren Welthit sparen, dessen einzige Leistung darin besteht, wenig witzige Wortreihungen über vorhandene Harmonien zu sprechen.

DIE WORTE REGNEN NIEDER, MAL PLÄTSCHERND, MAL PRASSELND.

Dann folgt der Text. Erst spricht Julia langsam, bald schon mit zunehmender Geschwindigkeit. Die Worte regnen nieder, mal plätschernd, mal prasselnd. Mal wohltuend, mal unangenehm stichelnd. So manchen Satz sagt sie, der nicht wenige Zuhörer mit dem Gefühl der Entblößung zurückgelassen haben dürfte. Entblößt durch die schonungslose Selbstreflexion über eine Generation, die alles hat und könnte, und dennoch mehr will, aber nichts dafür tut. Die unproduktiv auf ihrem Smartphone rumwischt, anstatt sich mit Literatur zu beschäftigen oder mit tagesaktuellen Nachrichten. Eine Generation junger Menschen, die nicht die Wichtigkeit erkennt oder den Mut aufbringt, Gefühle füreinander zu zeigen. „Geschichten, die wir dann stattdessen erzählen“, stellt Julia fest, „werden traurige Konjunktive sein“. Und: „Unser Leben ist ein Wartezimmer.“

Ihre Generation ist also verloren im Konsumismus, in der Abwesenheit von Sinn und Werten, von gehaltvollen Zielen. Sie traut sich nicht, Fehler zu machen, weil es zu riskant ist – und irgendwie ja auch nicht zwingend nötig. Sie tut nur eins: einfach abwarten. Okay, würde Julia sagen. Aber was folgt daraus?

EINMAL DAS ACH-SO-EINFALLSREICHE HOCHHAUS BESTEIGEN

„Lasst mal werden, wer wir sein wollen“, lautet der Aufruf der Slammerin. Sollte diese Erkenntnis nicht jeden antreiben, der das Licht der Welt, aber noch nicht den Sinn seines Lebens erblickt hat? Zitiert werden dazu Casper („Der Sinn des Lebens ist Leben“) und Kesha („Let’s make the most of the night“). Julia spricht sich aus für durchzechte Nächte, für – zumindest einmal – Verrücktsein, indem man das ach-so-einfallsreiche Hochhaus besteigt. Skepsis stellt sich ein. Geht es also doch wieder nur ums Partymachen? Um die kurzfristige Befriedigung der „Generation Spaß“? Um das Aufschieben der wirklich wichtigen Dinge im Leben? Wollte sie nicht gerade noch mehr Sport machen, Thomas Mann lesen, die Tagesschau sehen? Etwas bewegen? Wo bleibt dabei die Einsicht, dass es harte Arbeit ist, sich Wissen anzueignen, gut in etwas zu sein, einer Leidenschaft nachzugehen? Dass das Leben verdammt anstrengend sein kann, weil es mehr Verpflichtungen birgt, als seine Social Media-Profile zu updaten?

„Ich wäre gerne klug, allein das ist ziemlich dämlich“, sagt Julia. Warum – weil es naiv ist? Weil es unerreichbar scheint? Nochmal: weil es anstrengend ist und intensive Denkarbeit erfordert?

DER SPRINGENDE PUNKT? DASS SIE DEN ANFANG MACHT.

Dennoch liegt vielleicht genau in diesem Satz der springende Punkt, der erklärt, warum der Slam die Zuhörer analog und digital erreicht hat. Julia Engelmann zeigt nicht nur mit erhobenem Finger auf ihre Generation. Maßt sich nicht an, sie beurteilen zu dürfen, nur weil sie die richtigen Worte dazu findet. Sie nennt sich selbst den „Meister der Streiche, wenn es um Selbstbetrug geht“. Lässt sich nur „begeistern für Leichtsinn, wenn ein anderer ihn lebt“. Julia macht nicht mehr, will aber auch nicht weniger als ein Plädoyer halten für den Mut, die Chancen einer Generation zu ergreifen, die ihr (nur jetzt) gegeben sind. Sie macht den Anfang, allein schon dadurch, dass sie benennt, woran ihre Generation krankt, und das vor denjenigen, die dieser Generation angehören.

Sicherlich ist der Slam sprachlich eher clever, als brillant. Die Reime hinken bisweilen. Die lautmalerischen Spielereien hört man meist nur, weil sie sie so nachdrücklich betont. Sicherlich ist sie nicht ganz sortiert, wenn es um das geht, was sie nun eigentlich wirklich will. Und sicherlich ist die Frage berechtigt, ob auch sie nur das Passivsein beklagt, statt aktiv zu werden.

Ein bisschen angekommen scheint ihre Message jedoch zu sein, wie eine Begegnung mit einem 23-jährigen Schifffahrtskaufmann vor ein paar Tagen zeigt. Er hat schon viel erreicht – seinen Job beherrscht er, die Wohnung ist schick und das Auto neu. Aber er weiß, er kann noch mehr. „Kennst du das Video von Julia Engelmann?“, fragt er. „Sie hat in Worte gefasst, dass defensive Bequemlichkeit nicht ausreicht.“ Darum wird er Abstand nehmen von der Gewöhnung an Luxus, Arbeit und Alltag und ein Studium zum IT-Manager beginnen. Er will Mut beweisen. Oder wie Julia sagen würde: werden, wer er sein will.

Warten wir’s ab. Das kann ja seine Generation so gut.

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2 Responses to Nachtrag zu Julia Engelmanns Slam
  • Sebastian Neumann

    Liebe Mareike,

    dein Blog-Beitrag ist sehr schön zu lesen und macht Mut.

    Was mich an dieser ganzen Diskussion irritiert ist die Kritik, der Text sei nicht gut ausgearbeitet oder auch handwerklich nicht besonders. Bei diesem Text handelt es sich nicht um ein Essay oder eine Abhandlung die man nach Versmaß oder anderen althergebrachten Methoden beurteilen kann. Es war erfolgreicher Slam, nicht mehr und auch nicht weniger. Die Kritiker werfen ihr vor zu polarisieren und platte Warheiten zu verkünden und spielen dabei die wohl interessantere Frage hinter dem Hype herunter, nämlich die nach dem Warum. Warum fühlt sich eine Generation so mutlos? Was macht eine Generation so unsicher?

    Beste Grüße aus Berlin
    Sebastian

  • Mediavanti
    Mediavanti

    Lieber Sebastian,
    danke für deinen Einwurf!
    Du hast Recht, dass man an einem Slam nicht die gleichen Maßstäbe ansetzen kann wie an einem literarischen Genre, bspw. einem Gedicht oder einer Kurzgeschichte. Dennoch gibt es auch hier durchaus Unterschiede in der Art und Weise und eben auch Qualität, in der der Slammer mit Sprache umgeht. Auch, welchen Wortkonstruktionen, Ausdrücken, Neologismen er sich bedient, um eine inhaltliche Aussage auszudrücken, spielt eine wesentliche Rolle.
    Ihre Aussage zu transportieren ist Julia Engelmann offensichtlich gelungen – sie ist ja nicht nur gehört, sondern auch verstanden worden. Dass sie die Befindlichkeiten ihrer Generation überhaupt reflektiert und ihre Erkenntnisse vor Publikum vorgetragen hat, ist eine Leistung, die man – insbesondere in Anbetracht ihres Alters – anerkennen sollte.

    Dass sie deine Frage nach dem „Warum“ nicht beantwortet hat, weist wohl auf eine zumindest inhaltliche Schwäche hin – je nachdem welchen Anspruch man an einen Slam stellt. Sie analysiert zwar, aber verharrt dann in wenig gehaltvollen Erkenntnissen. Eine Erklärung für die Lethargie liefert sie nicht.
    Aber ja: Den Anstoß kann und sollte man aufgreifen. Einen Teil zur Diskussion trägt ja die Auseinandersetzung mit dem Hype um ihren Slam bereits bei.

    Viele Grüße,
    Mareike