Theaterfestival „Go West“: Bloggen ohne Netz, aber mit doppelter Begeisterung

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Theaterfestival „Go West“: Bloggen ohne Netz, aber mit doppelter Begeisterung

Blogging-Session

Wie lassen sich Theater(-/Kulturen), Journalismus und Neue Medien miteinander verbinden? Ganz einfach: Indem man ein Theaterfestival von (Nachwuchs-)Journalistinnen aus Deutschland und den Niederlanden live auf einem Blog begleiten lässt. Das Oldenburgische Staatstheater hat es vergangenes Wochenende mit dem Festival „Go West“ vorgemacht. Dazu hatte es sechs Stipendien für Blogger vergeben – erfreulicherweise auch eines an mich. Gemeinsam mit drei niederländischen und zwei deutschen Kolleginnen habe ich nonstop für eine tägliche Theaterzeitung und den Festival-Blog (http://gowestblog.de/) geschrieben. Die beiden etablierten Theaterkritiker Simon van den Berg aus Amsterdam und Jens Fischer aus Bremen standen uns dabei als Koordinatoren zur Seite. Es war anstrengend, ging bisweilen an die geistigen und körperlichen Grenzen, die Umstände waren nicht die besten. Aber: Ich würde es sofort wieder tun!

DURCH VIER TAGE THEATER GESCHAUT, GEFRAGT UND GEBLOGGT

Um 15 Uhr war Treffen, um 15.30 das erste Interview. Um 16 Uhr folgte das Schreiben, um 17 Uhr die Deadline. In diesem Tempo habe ich mich gemeinsam mit fünf weiteren (Nachwuchs-)Journalistinnen aus Deutschland und den Niederlanden durch vier Tage Theater geschaut, gefragt und gebloggt. Habe Kritiken verfasst, Interviews geführt und bin den Geschichten hinter dem Festival nachgegangen. Es galt, das niederländisch-flämische Theater-Festival „Go West“, das das Oldenburgische Staatstheater in diesem Jahr zum vierten und letzten Mal veranstaltet hat, mit einer gedruckten Theaterzeitung und einem Blog live zu begleiten. Die Theaterzeitung sollte jeden Tag vor der ersten Premiere ausliegen, auf die vergangene zurückblicken sowie auf kommende Theaterstücke und Künstler hinweisen. Unsere mediale Begleitung des Festivals sah außerdem zu jeder Theaterkritik eine deutsche und eine niederländische Version vor, die jeweils übersetzt werden musste. Ein enger Zeitplan eben.

Gleich am ersten Tag herrschte Irritation, wenn nicht gar Fassungslosigkeit: Viele Blogger konnten sich nicht ins Netz einloggen. Eine viertägige Blog-Session ohne Internet? Ein größeres Paradoxon ist wohl nicht vorstellbar. Hätte ich keine Kamera mitgebracht, hätte es keine Fotos gegeben bzw. nur Smartphone-Schnappschüsse in schlechter Auflösung. Und da wir keinen Schlüssel für das Gebäude der Presse- und Öffentlichkeit hatten, blieb es jede Nacht spannend, ob wir überhaupt wieder zu unseren Laptops gelangen würden. Auch dass die Theaterzeitung bereits abends fertig sein sollte, wussten die Koordinatoren bis kurz vor unserem ersten Treffen nicht.

PRODUKTIV UND LIVE TROTZ ORGANISATORISCHER PANNEN

Aber – und das ist das wunderbare Resümee – es hat sich dennoch alles nahezu perfekt gefügt. Mit viel Flexibilität und Improvisationskunst waren zuletzt so gut wie alle Blog-Beiträge zeitnah online; die Zeitung lag jeden Abend gedruckt am Eingang zur nächsten Theater-Premiere vor. Ebenso wichtig: die menschliche Komponente. Um die Themen wurde nicht gerungen, wir haben sie einander vielmehr zugespielt; Austausch mit jeder Bloggerin oder einem der beiden Koordinatoren war immer möglich und ausdrücklich gewollt; die gegenseitige Kritik war stets konstruktiv und hat viele Aufschlüsse darüber gegeben, worin die Unterschiede zwischen niederländischer, flämischer und deutscher Theaterkultur und -rezeption liegen. Es herrschte eine Atmosphäre der Offenheit, des Interesses an der Meinung des anderen, der Wertschätzung unserer jeweiligen Stärken.

EINIGE BLOGGER-KLISCHEES ERFÜLLT

© MediavantiBeim Bloggen und als Journalisten haben wir dabei so einige Klischees erfüllt. Angefangen mit dem Zitat von Douglas Adams, das Simon van den Berg zur Einführung anbrachte: „I love deadlines. I love the whooshing sound they make as they fly by.” Wir haben schlechten Kaffee getrunken, Fast Food gegessen und leere Bierflaschen angesammelt. Laptop an Laptop war wie bei einer Gaming-Session aneinander gereiht und außer dem konzentrierten Klappern der Tastatur zeitweise kein Geräusch zu hören. Dann wieder dominierte kreatives Chaos, wir haben Texte hin und her gemailt, gemeinsam lautstark an ihnen gearbeitet oder sind aufgesprungen, um pünktlich beim nächsten Interviewtermin oder bei der folgenden Vorstellung zu sein. Immer gefragt dabei: eine schier grenzenlose Spontanität. So wäre ich beispielsweise niemals unvorbereitet in ein Interview mit Franz Peschke gegangen, dem künstlerischen Berater des Intendanten der Ruhrfestspiele Recklinghausen. Als Live-Bloggerin auf einem Theaterfestival musste ich aber auch mit dieser Situation umgehen. Dynamik on- und offline.

Mit diesem Gefühl ist die Blogger-Crew nach den vier wohl längsten und gleichzeitig kürzesten Tagen des Jahres denn auch auseinander gegangen: ein Hochbetrieb von Individuen, die einander in ihrem leidenschaftlichen Schreiben, beruflich und menschlich zugewandt waren, eine wertvolle Symbiose aus Theater(-/Kulturen) und (Online-)Journalismus, Gedanken, die in Theaterzeitung und Blog in lesbare Form gegossen wurden.

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