Bitte mal lesen – Plädoyer für Lektorat und Korrektorat

Bitte mal lesen – Plädoyer für Lektorat und Korrektorat

Eins, zwei, drei ... Kleine Rechenfehler erhalten die Freundschaft.

Eins, zwei, drei … Kleine Rechenfehler erhalten die Freundschaft.

Autokorrektur, Rechtschreibprogramme – eigentlich sollte es doch jeder, der sich heute beruflich mit Texten befasst, leichter haben als der Kollege, der einst noch auf seine mechanische Schreibmaschine hämmern musste. Wer dann aber genauer hinschaut, was da manchmal zur Veröffentlichung freigegeben wird, darf sich wundern. Oft sind es Flüchtigkeitsfehler, falsche Bezüge, schiefe Bilder, die allesamt das Lesen erschweren. Ein professionelles Lektorat und ein gewissenhaftes Korrekturlesen würden helfen.

Korrekturlesen? Da beginnt das Gehirn zu rotieren. Heißt es nicht „korrektur lesen“? Oder „Korrektur lesen“? Und schon sitzt man in der Falle. Wir helfen Ihnen raus. Also erst mal: Ein Verb „korrekturlesen“ gibt es nicht. Nicht, nicht, nicht! Wenn man jemanden fragen will, ob er sich auf Fehlersuche begeben würde, dann muss es heißen „Könntest du das für mich Korrektur lesen?“. Und zweitens: Falls substantiviert werden sollte, dann ist die richtige Schreibweise ebenfalls vorgegeben: „Hast Du schon mit dem Korrekturlesen begonnen?“. Klare Sache. Etwas anderes geht nicht.

KREATIVITÄT ANDERNORTS AUSLEBEN

Nun neigen Menschen, die viel mit Texten zu tun haben, dazu, den einen oder anderen schmissigen Ausdruck selbst zu kreieren. In manchen Verlagen wurden sogar richtige Wortfindungskommissionen installiert, die über besonders geistreiche Vokabeln grübeln sollen. Könnte eine solche dann nicht doch das Verb „korrekturlesen“ sein? Nein, könnte es nicht. Denn sich einen Begriff auszudenken, den es bereits gibt, das ist nicht pfiffig, sondern dumm. Richten wir unsere Kreativität doch besser darauf aus, wirklich Neues zu entwickeln. Wörter zum Beispiel, die komplizierte Zusammenhänge so einfach wie möglich darstellen.

Wenn die Prozentrechnung versagt ... dann hätte ein Korrektor das bemerkt. Quelle: "Perlen des Lokaljournalismus"

Wenn die Prozentrechnung versagt … dann hätte ein Korrektor das bemerkt.
Quelle: „Perlen des Lokaljournalismus“

Manchmal hilft auch das nicht. Zum Beispiel, wenn es an den Grundrechenarten hapert. Damit tut sich beispielsweise der Redakteur eines täglichen Reise-Newsletters schwer. „Neckermann lädt in fünf Städten zum WM-Public-Viewing ein“, war da kürzlich zu lesen. Und weiter: „Fans können bei den Spielen in Bottrop, Bremen, Hannover, Kassel, München und Potsdam mitfiebern.“ Gut, das war jetzt schwierig, weil die sechs Finger einer Hand nicht ausreichen. Aber auch bei kleineren Mengen ist man nicht vor Fehlern gefeit. So bilanzierte der Lokalchef einer größeren norddeutschen Tageszeitung kürzlich eindrucksvoll: „Mit erstmals mehr als 12000 Studierenden hat Oldenburg nach Hannover, Göttingen und Braunschweig die drittgrößte Uni in Niedersachsen.“ Und im rheinischen Monheim addierte ein guter Kopfrechner die Ergebnisse der jüngsten Bürgermeisterwahl gleich auf flotte 160 Prozent.

VON NIGERIA NACH NICARAGUA

Natürlich hätte es in den genannten Fällen vermutlich bereits geholfen, im Matheunterricht ein wenig mehr aufzupassen. Oder sich die Texte einfach nochmal durchzulesen. Spätestens einem ordentlich arbeitenden Korrektor indes wären die Rechenirrtümer sofort aufgefallen. Aber wer leistet sich so etwas heute noch? In den meisten Redaktionen wurde dieser ehrenwerte Berufsstand schon vor Jahren ausgerottet. Auch Lektoren, die Beiträge auf inhaltliche Korrektheit, Sinnhaftigkeit und Verständlichkeit kontrollieren, gibt es immer weniger. Und genau deshalb verlassen sich kaum noch Menschen auf das, was da irgendwo gedruckt erscheint. Was soll man auch davon halten, wenn etwa in einem deutschen Nachrichtenmagazin (nein, nicht dem aus Hamburg) vom „nicaraguanischen Diktator Sani Abacha“ die Rede ist, der Mann aber in Wirklichkeit in Nigeria herrschte … Wer das entdeckt und es besser weiß, wird an der Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit der in diesem Blatt verbreiteten Informationen Zweifel bekommen.

Beim nächsten Mal vielleicht lieber Bilndtext verwenden - oder einen Korrektor einstellen. Quelle: "Perlen des Lokaljournalismus"

Beim nächsten Mal vielleicht lieber Blindtext verwenden – oder einen Korrektor einstellen.
Quelle: „Perlen des Lokaljournalismus“

Keine Frage: Fehler passieren. Im hektischen Alltag sowieso. Das ist nicht schlimm, solange sie wieder behoben werden. Wenn aber Texte ohne den abschließenden prüfenden Blick das Haus verlassen, dann gibt es eine realistische Chance auf eine Blamage. Die fällt mal größer, mal kleiner aus – wie auch der Schreiber dieses Beitrags selbstverständlich schon am eigenen Leib erfahren durfte. Unter ein ausführliches Interview hatte er einmal – vermutlich aufgrund einer akuten Fehlschaltung im Gehirn – statt der obligatorischen Verabschiedung „Vielen Dank für das Gespräch.“ geschrieben „Vielen Dank für das Gebäck.“ Und das, obwohl es nicht einmal Kekse gegeben hatte. Das Interview mit der falschen Floskel wurde unverändert veröffentlicht. Kein Korrekturleser, kein Redakteur, kein Textchef hatte den Fehler bemerkt. Immerhin tröstlich, dass hier auch die beste Autokorrektur versagt hätte.

Claus Spitzer-Ewersmann

P.S.: Bevor dieser Text auf den Blog gestellt wurde, haben wir ihn – wie bei Mediavanti üblich – selbstverständlich Korrektur gelesen, zweimal sogar. Sollte dennoch jemand Fehler finden, darf er sie gern behalten.

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2 Responses to Bitte mal lesen – Plädoyer für Lektorat und Korrektorat
  • Frank Mrozek

    Wie wahr – und jeder von uns dürfte die Notwendigkeit einer Korrektur durch jemand anderen als den Autor den Beitrag schon erfahren haben. Denn unbewusst gehen wir natürlich davon aus, alles richtig geschrieben zu haben und sind deshalb auf diesem Auge etwas blind.
    Dass das Korrektorat aber selbst in professionellen Zusammenhängen immer häufiger eingespart wird, könnte auch auf die (fatale!) Einschätzung zurückzuführen sein, dass die rasant wachsende Fehlerhaftigkeit und -toleranz (bzw. das Nicht-Bemerken) deutlich macht, dass es eh kaum jemand bemerken würde. Die Blamage bleibt also leider häufig aus …

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  • Der Spielbrett-Effekt beim Magazin „Berlin Valley News“ | MEDIAVANTI

    […] der wirkt nicht recht glaubwürdig in seinem journalistischen Anspruch. Auch sonst dürfte am Lektorat gespart worden sein. Angesichts der Tatsache, dass Head- und Sublines neben Bildunterschriften die […]