Scheitern am eigenen Anspruch: Magazin „Annis Art“ aus Oldenburg

Scheitern am eigenen Anspruch: Magazin „Annis Art“ aus Oldenburg
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Scheitern am eigenen Anspruch: Magazin „Annis Art“ aus Oldenburg

In der Rubrik Mediavantis Medienkritik widmen wir uns unregelmäßig Neuem aus Blätterwald, Webwelt oder anderen Orten, an denen sich Medienschaffende austoben. Kritik der Kritik ist selbstverständlich erwünscht!

Die Oldenburger NWZ Media Agentur nimmt den Kampf um Aufmerksamkeit im Zeitschriftenregal mit „Annis Art“ auf – dem neuen Magazin für Frauen im Oldenburger Land. Der eigene Claim: „Wunderbar.Frisch.Frech“. Wir haben ein Exemplar der Erstausgabe ergattert und uns das Format zu Gemüte geführt.

Sagen wir es mal so, als Journalistin bin ich natürlich grundsätzlich positiv gestimmt und neugierig, wenn sich etwas Neues auf dem Printmarkt tut und ein Herausgeber den Schritt wagt, ein gedrucktes Magazin auf den Markt zu schicken. „Annis Art“ hätte ich aber schon am Kiosk übersehen, wenn ich nicht gezielt danach auf der Suche gewesen wäre. Auf dem Cover zieht eine Blondine mit Sonnenbrille ein Schnütchen, über das sie sich eine Haarsträhne hält. Das soll wohl frech wirken. Auf mich – und das mag mein ureigener Geschmack sein – wirkt das eher albern, zumal das Magazin Frauen ab Mitte 20 und keine Teenager ansprechen soll. Außerdem: Jemand, der mich auf dem Cover nicht direkt, sondern nur durch eine dunkle Sonnenbrille hindurch anblickt und dessen Motiv so gar kein Interesse weckt, das Heft überhaupt in die Hand zu nehmen, das ist die erste verspielte Chance. Es folgen zahlreiche weitere.

ZU BUNT, ZU BANAL, ZU BEMÜHT

Hat man das Magazin dann aber in der Hand, fallen vor allem der dünne Heftumfang (62 Seiten plus Umschlag), die vielen verschieden farbigen und formatierten Schrifttypen und der (teure) Prägedruck auf. Die Themen auf dem Cover: „Lieblingsecke – kleiner Urlaub vom Alltag“, „Pimp my bike“, „So schmeißt du eine tolle Gartenparty“, „Der richtige Dreh für deine Frisur“ und – ganz groß angekündigt – „Oldenburger ganz persönlich“. Eigentlich gilt: Beim Blick auf das Cover muss der Wunsch entstehen, dieses Magazin unbedingt lesen zu wollen und dafür stolze 3,90 Euro zu zahlen. Ich persönlich hätte „Annis Art“ allerdings gar nicht erst aus dem Regal genommen –  zu bunt, zu banal, zu beliebig. Das ist der erste Eindruck, bei dem es auch beim Durcharbeiten des Heftes bleibt.

DIE IDEE IST EIGENTLICH GUT, ABER: DIE ZIELGRUPPE ZU WEIT, DIE MESSLATTE ZU HOCH

Dabei ist die Mission eine hehre, die Grundidee eine gute. Mit „Annis Art“ wollen die Macher etwas Neues implementieren, nämlich mit einem regionalen Printmagazin für Frauen im Oldenburger Land die Leserinnen da abholen, wo sie wohnen. Die drei Frauen hinter dem Magazin Annika Weise (34), Sylvia Bruns (42) und Swantje Sagcob (52) sagen es selber so:

„Wir, Annika, Sylvia & Swantje, sind drei kreative Medien-Frauen mit vielen frischen Ideen. Da wir zugleich für drei Generationen stehen, ergänzen sich unsere Erfahrungen total gut. Klar, dass uns gerade weibliche Themen besonders liegen. Da lag die Idee zu einem exklusiven Frauenmagazin plötzlich wie von selbst auf der Hand. Das Besondere daran: Fachlich und authentisch aufbereitet speziell für Frauen hier im Oldenburger Land.“

Gerade diese breit angelegte Ansprache von Frauen zwischen 25 und 60 Jahren könnte aber in der Folge ein Stolperstein werden. Um es mit Fontane zu sagen: „Das ist ein weites Feld.“ Ein zu weites. Es werden also „frische Ideen“, ein „exklusives Frauenmagazin“ und „fachlich und authentisch“ aufbereitete Artikel versprochen. Die Messlatte liegt hoch. Zu hoch. Dem eigenen Anspruch wird „Annis Art“ zumindest mit der Erstausgabe nicht gerecht.

DAS GRUNDPROBLEM: FEHLENDE IDENTITÄT

Offensichtlich wird: Diese Zeitschrift hat die Frage nach der Identität nicht geklärt. Was will es eigentlich sein? Frauenmagazin? Stadtmagazin? Ein weiterer Hort der Landidylle? Werbeforum? „Annis Art“ ist einfach alles, also weder Fisch, noch Fleisch, was es insgesamt nicht besser macht für die Profilbildung. Ganz fatal wird im Laufe des Durchblätterns und Lesens, dass nicht augenscheinlich ist, wann es sich um Anzeige und wann um einen redaktionellen Artikel handelt. Beide Formate sind sehr ähnlich aufbereitet und stehen thematisch oftmals nebeneinander. Nur die kleine, formal korrekte Seitenkennung „Anzeige“ klärt hier auf. Die Bildsprache, die vieles in einem Magazin retten kann, ist nicht überzeugend, geschweige denn frisch. Kein eigener Blick, kein eigener Stil. Hier wird an der falschen Stelle gespart, wenn Stockmaterial eingesetzt wird. Der Punkt „authentisch“ bleibt auf der Strecke.

KARRIERE? NICHT MAL EINE SPALTE WERT

Bei der „Anni“, da ist man direkt und unumgänglich beim Du mit dem Leser. Sofortige Freundschaft, kein langsames Herantasten. Wobei Letzteres durchaus angebracht wäre – denn dann würde sich vielleicht die eine oder andere Parallele finden lassen, die das Magazin lesenswert machen könnte. Die Themen: Familie & Kinderkram, Land & Lü, Mein Zuhause, Style, Tüdelüt, Zeit für mich, Zu Tisch. Die moderne Frau im Oldenburger Land beschäftigt sich also gern mit Kind und Küche. Und damit wäre dann allen Klischees genügend Raum gegeben. Für „Bildung“, „Wissen“ oder Karriere“ bleibt da nicht mal eine Meldungsspalte. Obwohl die drei Macherinnen im Berufsleben stehen. Und Kinder haben. „Weibliche Themen, die frau interessieren“, will „Annis Art“ bringen. Felder wie Technik, berufliches Profil und Forschung gehören zu diesem seichten Schöne-Welt-Spektrum nicht.

WO SIND EXKLUSIVITÄT UND FEINSCHLIFF?

Die Artikelauswahl ist breit gefächert, leider tauchen auch Evergreens wie die Erfolgsgeschichte von Veggiemaid auf, die man so und anders schon zigfach gelesen hat – die sich zugegebermaßen unter Karriere verbuchen ließe; hier ist die Shop-Inhaberin eine von drei vorgestellten „starken Frauen“. Die Rubrik „Neu in Oldenburg“ ist nett, aber ein wirklicher Aufmacher für ein ganz neues Heft? Ein junges Pärchen und drei betagte Senioren werden hier in einzelnen Artikeln vorgestellt. Statisch und lieblos nebeneinander in einer Aufmachung, die es mit jeder Schülerzeitung bedenkenlos aufnimmt.  Dazu kommen auf den Folgeseiten Tipps für Haushalt, Haar und Gartenparty, das Rezept für perfekten Kartoffelsalat, ein Ausflug zum Kuhkuscheln. Und so weiter. Exklusiv ist hieran nichts. Die Texte – gern kleine Portionen, meist ohne Einleitung zum Thema – sind solide geschrieben, aber mehr nicht. Stilistisch hätte dem Ganzen durchaus mehr Feinschliff gutgetan.

FAZIT

Anfang August erscheint die zweite Ausgabe von „Annis Art“. Obwohl ich mich perfekt für die Zielgruppe eigne – weiblich, zwischen 25 und 60, wohnhaft im Oldenburger Land – werde ich die nächsten 3,90 Euro in etwas Sinnvolleres investieren. Vielleicht passen die Anni und ich auch einfach nicht zusammen.

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