Deutschland-Start von Blendle: Darf´s noch ein Artikel mehr sein?

Deutschland-Start von Blendle: Darf´s noch ein Artikel mehr sein?
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Deutschland-Start von Blendle: Darf´s noch ein Artikel mehr sein?

In den Niederlanden gegründet, nun auch in Deutschland verfügbar: Blendle ist da. Es bietet Lesern einzelne Artikel aus Zeitungen und Magazinen, bequem buchbar per App oder am Rechner. Ist das der Anfang vom Ende des gewohnten Lesens journalistischer Veröffentlichungen? Oder nur ein praktisches Zusatzangebot? Eine Zeiterscheinung gar? Mediavanti-Redakteur Torben Rosenbohm hat sich Blendle genau angeschaut.

Wer es – wie ich – gewohnt ist, am frühen Morgen das überregionale Qualitätsblatt aus dem Briefkasten zu holen, nebenbei noch Wochenzeitungen konsumiert und für das runde Gesamtbild das eine oder andere Magazin im Abo bezieht, tritt einem Angebot wie Blendle mit einer gewissen Grundskepsis entgegen. Häppchen-Journalismus heißt es bei einigen; Artikel für Menschen, die auch ansonsten jedwede Festlegung meiden. Aber mal ehrlich: Mit Blick auf die oft ungelesenen Papierberge heimst man selbst auch häufiger irritierte Blicke ein.

Also: vorurteilsfrei herangewagt an das Neue. Am 14. September startete Blendle nach einer Beta-Phase ganz offiziell und für jedermann zugänglich in Deutschland seinen Betrieb. Die Anmeldung ist einfach und schnell durchgeführt: Lieblingstitel auswählen und Interessengebiete definieren, Mailadresse und Passwort festlegen. Danach belohnt das System das Interesse mit einem Gratisguthaben von 2,50 Euro.

PREISE BEGINNEN BEI EINEM CENT

Schnell wird klar, dass im Gegensatz zum Stöbern im Zeitschriftenregal nicht die komplette Zeitung im Fokus steht, sondern der einzelne Artikel. Das ist schließlich das Grundprinzip der Niederländer. Und schon auf den ersten Blick merkt der Nutzer, dass hier durchaus ein großer Reiz besteht. Die Seite Drei aus der Süddeutschen? Ein Wissenschafts-Artikel aus der Feder eines FAZ-Redakteurs? Dazu ein Spielbericht vom Lieblingsclub aus dem Kicker und eine Reportage aus dem Tagesspiegel? Kein Problem. Ein paar Klicks und das persönliche Lesemenü des Tages findet sich im Archiv. Im analogen Leben hätte man das meiste nie entdeckt.

Bezahlt wird pro Artikel. Die Wahl fällt auf drei Texte zum Probelesen: „Straight Outta Kontext“ aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schlägt mit 45 Cent zu Buche, ein Artikel über Flüchtlinge aus Eritrea aus der Thüringer Allgemeinen mit 49 Cent und ein Lesestück aus dem Zeit Magazin mit 29 Cent. Andere Preisbeispiele: Eine Kurzmeldung von der ersten Seite der Süddeutschen kostet einen Cent, die Titelgeschichte des aktuellen Spiegel 1,99 Euro. Wer aus einem Titel mehr Artikel kauft als dieser insgesamt kostet, bekommt direkt die vollständige Ausgabe freigeschaltet. Optisch aufbereitet sind die Artikel für die Ansicht am Rechner ebenso wie in der App übersichtlich und damit angenehm zu lesen.

Für Blendle-Chef Marten Blankesteijn ist übrigens ein Meilenstein erreicht: „Unser Start in Deutschland ist ein wichtiger Schritt auf unserer Mission, den weltbesten Journalismus für alle zugänglich zu machen.“ Das Potenzial, das Leseverhalten zu verändern, hat das Angebot allemal. Allerdings: Die Idee vom Gesamtprodukt, das eine jede Zeitung und ein jedes Magazin nun einmal darstellt, gerät ins Wanken. Hier liegt indes die besondere Faszination beim Durcharbeiten eines kompletten Magazins: Das Entdecken von vermeintlichen Randthemen, die den Leser aus einem bestimmten Grund doch fesseln. Durch die Festlegung auf Interessengebiete oder die mehr und mehr auf das eigene Leseverhalten zugeschnittenen Empfehlungs-Mails kann es am Ende doch auf eine Verengung hinausführen.

TEXTE MIT GELD-ZURÜCK-GARANTIE

Durchaus faszinierend, das echte Big Player des Printjournalismus von Anfang an dabei sind. Blankesteijn berichtet gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Die Qualitätszeitung ,de Volkskrant‘ wächst gerade zum ersten Mal seit vielen Jahren in der Auflage.“ Sie ist, natürlich, auch bei Blendle vertreten. Die über 100 beim Deutschland-Start vertretenen Medien hören das gewiss gerne.

Übrigens: Wem ein Artikel nicht gefällt, kann ihn binnen 24 Stunden „zurückgeben“ und bekommt sein Geld zurück. Das versuchen Sie mal am Kiosk.

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